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Gute Organisation ist alles

Uhr, weißer Hintergrund
Viele drückt im Studium das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Ein Trugschluss.
Foto: Andre© Deco /WillmyCC

Zeitmanagement im Studium

Gute Organisation ist alles

Wer studiert, kennt das: Alle Teller sind gespült, die T-Shirts gebügelt, die Fenster geputzt, aber die Seminararbeit ist auch nach der fünften Runde um den Schreibtisch noch nicht annähernd fertig — und dabei rückt der Abgabetermin unwiderruflich näher. Sich selbst und das Studium zu organisieren, fällt nicht nur Erstsemestern schwer. Zeitmanagement-Seminare und To-do-Listen können helfen.

Jessica Schwarz studiert auf der Überholspur. Die 19-jährige Nürnbergerin hat sich für den Fast-Track-Bachelor in Biologie entschieden, der in fünf statt sechs Semestern zum Abschluss führt. „Vom Stoff her wird kaum etwas gekürzt“, sagt Jessica. Sie hat wegen des doppelten Abiturjahrgangs in Bayern schon am 2. Mai 2011 ihr Zeugnis bekommen – und ist am selben Tag ins erste Semester an der Universität Erlangen gestartet.

Jeden Tag sind Vorlesungen, manche beginnen um 8.15 Uhr, andere enden um 19 Uhr. Der Stundenplan ist vorgegeben. Jessica wohnt noch bei den Eltern. Aber im nächsten Jahr will sie ausziehen und der eigene Haushalt wird ihr Organisationstalent noch stärker fordern. Dabei ist der Lerndruck schon jetzt zu spüren. „Anders als in der Schule muss ich viel mehr darauf achten, nicht erst zwei Tage vor den Klausuren zu lernen.“

Gerade hat sie die erste Prüfung mit „sehr gut“ bestanden und gönnt sich ein bisschen Faulsein in den Semesterferien. Aber sie lernt jeden Tag mindestens eine Stunde – und denkt schon ans nächste Semester: „Ich bin nicht der größte Streber, aber ich habe mir vorgenommen, drei Wochen früher mit dem Lernen zu beginnen.“ Ihr Ziel: Nach dem Bachelor den Master machen und sich – vielleicht – an der Uni auf Molekularbiologie spezialisieren.

Orientierungslos im Uni-Dschungel

So gut organisiert wie Jessica Schwarz sind wenige Studierende. Die meisten sind vor kurzem von zuhause ausgezogen, neu in der Stadt und ziemlich orientierungslos im Uni-Betrieb. „Früher war klar, dass das erste Semester gebraucht wird, um sich im neuen Leben zurechtzufinden“, weiß Hans-Werner Rückert, Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung an der Freien Universität Berlin. Heutzutage mache der straffe Studienplan vom ersten Tag an Druck. Das erleben einige Studierende positiv. Andere entwickeln Ängste und manche regelrechte Panik, etwa wenn das mehrmalige Nichtbestehen einer Prüfung zur Exmatrikulation führt.

75 Prozent der Studienabbrecher eines Bachelorstudiums gaben Leistungsprobleme als einen der Gründe für ihren Studienabbruch an. Immerhin 45 Prozent fanden die Selbstständigkeit in der Studiengestaltung zu hoch. Im Jahr 2000 dagegen waren Leistungsprobleme nur bei 55 Prozent der Studienabbrecher ausschlaggebend für die Exmatrikulation. Zu diesen Ergebnissen kommt die Studie „Ursachen des Studienabbruchs in Bachelor- und in herkömmlichen Studiengängen“ der Hochschul- Informations-System GmbH (HIS) vom Dezember 2009.

Nun sind Unsicherheit und Offenheit kennzeichnend für die Lebenssituation von Studierenden, sagt der Psychologe Rückert, „und zum geheimen Lehrplan des Erwachsenwerdens gehört es, damit umzugehen.“ Denn Selbstvertrauen und Persönlichkeit entwickeln sich nur durch das Überwinden von Krisen. Wer sich aber über längere Zeit – drei und mehr Wochen – nicht konzentrieren kann und alle Motivation verliert, sollte eine Beratungsstelle aufsuchen.

An der Freien Universität Berlin holen sich 1.100 Studierende jährlich Unterstützung. Insgesamt ließen sich im Jahr 2009 mehr als 23.000 Studierende in den 42 psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke beraten, wie das Deutsche Studentenwerk im März 2011 mitteilte. Zu den häufigsten Themen gehörten demnach Lern- und Arbeitsstörungen, Leistungsprobleme, Arbeitsorganisation, Zeitmanagement und Prüfungsangst. „Die Erkenntnis ‚ich habe ein Problem und gehe das an‘ ist der erste Schritt“, sagt Hans-Werner Rückert. Die Berater versuchen dann zunächst, den Druck zu reduzieren. Sie vermitteln, dass ungestörte Leistung in allen Lebensbereichen einfach nicht möglich ist. Auch die Regelstudienzeit ist nicht obligatorisch, und wer ein oder zwei Semester dranhängt, kann sich Luft verschaffen. Vielen Studierenden hilft auch schlicht, Arbeitstechniken zu lernen. Sind die Kurse für wissenschaftliches Arbeiten und Selbstorganisation an der FU-Berlin denn gefragt? „Aber wie!“, weiß Hans-Werner Rückert. Die Teilnehmer solcher Trainings – das haben Befragungen noch für Magister und Diplom ermittelt – machen in der Regel ein Semester früher den Abschluss.

Aber man muss nicht unbedingt einen Kurs machen, um sich selbst zu organisieren. Auch To-do-Listen können helfen, den Überblick zu behalten und Arbeit sinnvoll einzuteilen. Die gibt es inzwischen auch kostenlos im Internet, für Computer und Smartphone. Aber auch für alle, die „nur“ ihren Outlook-Kalender benutzen oder To-do-Listen auf Papier notieren, gilt: Man muss vor allem hineinschauen!

Dass Zeitmanagement weit über Aufgabenlisten hinausgeht, weiß Ivan Blatter, Produktivitätstrainer aus der Schweiz, der auch Studierende darin schult, ihre Zeit besser zu nutzen. „Es ist ganz wichtig zu wissen, was man überhaupt will. Wohin will ich langfristig? Aus dieser Vision leiten sich Prioritäten ab. Zum Beispiel: Ich will in vier oder fünf Jahren mein Studium beenden – welche Seminare muss ich besuchen und welche Fristen einhalten?“

Zeitmangel = Trugschluss?

Viele drückt im Studium das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Ein Trugschluss. Das hat die ZeitLast-Studie der Universität Hamburg in Kooperation mit den Unis in Mainz, Ilmenau und Hildesheim ergeben. Zwischen dem Wintersemester 2009/10 und dem Wintersemester 2010/11 wurde überprüft, wie viel Zeit die Studierenden in 14 Studiengängen an fünf Universitäten im Schnitt für ihr Studium investieren. Hierfür haben die Teilnehmer – die pro Fach jeweils aus dem gleichen Fachsemester stammten – genau Buch darüber geführt, wann sie in Lehrveranstaltungen waren, wie viel Zeit sie für die Vor- und Nachbereitung verwendet haben und wann sie frei hatten. Alle Teilnehmer durften zum Abschluss noch an einem Zeitmanagement-Seminar teilnehmen. Das Ergebnis der Workload-Überprüfung hat selbst die Initiatoren der Studie überrascht: 23 Stunden wöchentlich wenden die Teilnehmer im Schnitt für ihr Studium auf, deutlich weniger als die von Bologna geforderten 40.

„Die Studierenden wissen die Zeit zwischen den Veranstaltungen nicht effizient zu nutzen“, weiß Professor Dr. Rolf Schulmeister, der als Projektleiter die Studie betreut. Kaffee trinken, vor dem Lernen mit Freunden telefonieren und zwischendrin auf Facebook surfen ... „Es geht nicht darum, dass man nicht lernen kann, sondern dass man es nicht macht!“, sagt Professor Schulmeister. Dafür hat der Pädagogikprofessor nur wenig Verständnis. Andererseits benennt er strukturelle Schwächen der Studienorganisation. „Das Hauptproblem ist die Organisation der Lehre in zweistündigen Veranstaltungen“, sagt er. Der Grund: Die Studierenden müssen sich so etwa 12 Mal pro Woche mit neuen Veranstaltungen befassen und müssen sich 12 Mal pro Woche in ein neues Thema eindenken. Besser seien monothematische Module, die konzentriertes Lernen fördern, also Blockunterricht zu einem Thema. Auch das sogenannte Bulimie-Lernen sei wenig effiziert, also das Lernen einer großen Stoffmenge kurz vor den Prüfungen und das sofortige Vergessen des Gelernten nach den Prüfungen. Hier sind aber nicht nur die Studierenden gefragt. Auch die Professoren müssten lernen, Aufgaben fürs Selbststudium richtig zu stellen und Rückmeldung zu geben.

An der Universität Köln hat sich die Lernberatung zum selbstständigen Teil der psychosozialen Beratung entwickelt und bietet Zeit- und Selbstmanagement-Kurse an und zusätzlich ein Studienoptimierungsprogramm. Dabei besprechen die Teilnehmer in einer fortlaufenden und offenen Gruppe ihre eigenen Pläne und Strategien. Silke Frank, die für die Lernberatung und Gruppenangebote zuständig ist, führt auch Einzelgespräche: „Die meisten kommen mehrmals und sind nach

Silke Frank

Silke Frank

Foto: Virginia Reiner/ Kölner Studentenwerk

drei bis fünf Terminen gut versorgt.“

Im Mittelpunkt steht für die Diplompädagogin, dass Studierende ihr Studium als Vollzeitstelle auffassen. Als Vertrag, der eine gewisse Stundenzahl für die Uni vorsieht – und Raum für Alltagsbewältigung und Freizeit lässt. „Regeneration ist total wichtig, um Kraft zu tanken.“ Der Vergleich mit dem Job schätzt sie auch in anderer Hinsicht: Auch ein Beruf macht nicht immer Spaß, auch er kennt Arbeitshöhepunkte. Wenn alles „knubbelvoll“ ist, sagt Silke Frank, müsse man sich auf das Wesentliche fokussieren und das Wichtigste zuerst machen. Was auch die Aufschieber wissen: „Wenn ich muss, dann geht’s.“

abi>> 26.09.2011