Logo Bundesagentur für Arbeit
Logo Bundesagentur für Arbeit
  • Drucken
  • Versenden
  • PDF (Öffnet sich in neuem Fenster)
  • bei XING empfehlen (Öffnet sich in neuem Fenster)
  • bei LinkedIn empfehlen (Öffnet sich in neuem Fenster)
  • bei Facebook empfehlen (Öffnet sich in neuem Fenster)
  • bei Twitter empfehlen (Öffnet sich in neuem Fenster)

Multi-Kulti an deutschen Hochschulen

Studenten sitzen im Park der Hochschule und recherchieren für eine Vorlesung.
Lernen unter freiem Himmel und bei strahlendem Sonnenschein.
Foto: Trabandt

Studieren mit internationalem Flair

Multi-Kulti an deutschen Hochschulen

Immer mehr ausländische Studierende kommen nach Deutschland — und davon profitieren auch die einheimischen Studierenden. abi>> erzählt vom gemeinsamen Lernen und Leben.

Ein Lette, zwei Bulgaren und eine Iranerin: Die Lerngruppe von Ksenia Obraztsova ist international. Zusammen pauken sie Mathe, versuchen schwierige Aufgaben zu lösen und helfen sich gegenseitig – meist auf Deutsch. Denn die 24-jährige Russin und ihre Kommilitonen studieren in Baden-Württemberg, am Karlsruher Institut für Technologie, kurz KIT. Um ein internationales Flair an der Hochschule zu haben, muss man längst nicht mehr nur in Großbritannien oder den USA studieren. Das gibt es mittlerweile auch verstärkt in Deutschland. Ksenia Obraztsova zum Beispiel studierte erst Maschinenbau in ihrer Heimat, dem sibirischen Tomsk. Zwei Auslandssemester in Karlsruhe gefielen ihr dann aber so gut, dass sie nach ihrem Bachelorabschluss in Tomsk wieder nach Deutschland kam und seit drei Semestern ihren Master in Maschinenbau am KIT macht.

Guter Ruf 

Ksenia Obraztsova ist keine Ausnahme. Die Hochschule hat rund 22.000 Studierende, davon kommen rund 20 Prozent aus dem Ausland. Einige sind nur für eine bestimmte Zeit da, zum Beispiel für ein Austauschsemester, andere absolvieren wie Ksenia Obraztsova ein ganzes Studium am KIT. „Deutschland ist für ausländische Studierende sehr interessant, weil vor allem unsere ingenieurwissenschaftliche Ausbildung international einen guten Ruf hat und weil die Studiengebühren gerade im Vergleich zu Ländern wie den USA sehr gering oder gar nicht existent sind“, erklärt Andrea Morlock-Scherm, Erasmus-Koordinatorin des KIT.

Tatsächlich kommen immer mehr ausländische Studierende nach Deutschland: Laut der Studierendenstatistik des Statistischen Bundesamtes stammten 1990/91 knapp 105.000 Studierende aus dem Ausland – nach vorläufigen Zahlen waren es im Wintersemester 2010/11 bereits über 250.000. Die meisten von ihnen kamen aus Europa (über 141.000), vor allem aus Ländern wie der Türkei, der Russischen Föderation, Polen, Bulgarien und Frankreich. Auch Asiaten zieht es nach Deutschland, im vergangenen Wintersemester bereits über 72.000. Und da die deutschen Hochschulen verstärkt um Ausländer werben, wird sich dieser Trend in den kommenden Jahren wahrscheinlich noch verstärken. Zum Vergleich: Zum Wintersemester 2010/2011 waren laut Statistischem Bundesamt an deutschen Hochschulen über zwei Millionen Studierende eingeschrieben.

Erasmus-Koordinatorin des Karlsruher Institut für Technologie: Andrea Morlock-Scherm.

Andrea Morlock-Scherm

Foto: Privat

Doch nicht nur die Studierenden aus dem Ausland profitieren von ihren Erfahrungen in Deutschland. Auch für deutsche Studierende gibt es zahlreiche Vorteile, wenn sie an einer Hochschule lernen, die international ausgerichtet ist. „Vor allem kommt man in Kontakt mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen“, betont KIT-Expertin Morlock-Scherm. Sie betont allerdings, dass dies keinen Auslandsaufenthalt ersetze. Es sei jedoch ein Plus, ohne jemals selbst im Ausland gewesen zu sein, interkulturelle Erfahrungen machen und neue Sichtweisen gewinnen zu können. Durch das tägliche Miteinander lerne man andere Traditionen, Gesellschaftsbilder oder Lernmethoden wirklich authentisch kennen. Vielleicht feiern ausländische Studierende anders, als man es von zu Hause kennt, oder sie lernen anders als wir. „Man muss seine Vorstellungen hinterfragen und seine Sicht auf einige Dinge verändern“, sagt die Expertin, „aber das macht einen offener und rücksichtsvoller für Fremdes.“

Das internationale Flair am KIT geht noch weiter: Einige Vorlesungen finden auf Englisch statt und in sogenannten Tandems können deutsche und ausländische Studierende zusammentreffen, sich in ihren jeweiligen Sprachen unterhalten und mehr über die Hintergründe des anderen erfahren. Außerdem unterstützt das International Students Office internationale Lerngruppen, in denen Studierende einer bestimmten Fachrichtung zusammen lernen – Deutsche und Ausländer gemeinsam. Wichtig sind zudem organisierte Hochschulgruppen wie zum Beispiel der Arbeitskreis Erasmus, die den ausländischen Kommilitonen ehrenamtlich bei der Integration helfen. „Sie organisieren regelmäßige Treffen, bieten Ausflüge in die Umgebung oder Exkursionen in eine andere deutsche Stadt an“, erzählt Morlock-Scherm. Am KIT ist es also nichts Ungewöhnliches, auf dem Campus Englisch zu hören, im Studentenwohnheim mit dem Nachbarn Französisch zu sprechen und sich am Abend in der Kneipe auf Spanisch zu unterhalten.

Von Elite-Studierenden lernen

Auch Carsten Dose, Geschäftsführer des Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, sieht in der Internationalisierung der Hochschulen zahlreiche Vorteile für deutsche Studierende. „Die Globalisierung hat alle Bereiche unseres Lebens grundlegend verändert und wird es weiter tun“, sagt er. Deswegen sei es wichtig, sich nicht nur in einem Land gut auszukennen, sondern mit verschiedenen Kulturen und Denkweisen vertraut zu sein. „Das gilt für jedes spätere Berufsfeld von Studierenden.“

Der Geschäftsführer des Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: Carsten Dose.

Carsten Dose

Foto: Privat

Das FRIAS entstand im Rahmen der Exzellenzinitiative und ist ein Forschungskolleg, das neben renommierten Wissenschaftlern aus aller Welt und der Universität Freiburg selbst besonders junge Forscher in verschiedenen Bereichen für einen bestimmten Zeitraum fördert. Diese Internationalisierung hat für die Universität Freiburg auch zu einer Vernetzung mit den USA geführt: Angestoßen durch einen ehemaligen FRIAS-Fellow, so nennt man die Gastwissenschaftler am Institute for Advanced Studies, arbeitet die Uni Freiburg seit Januar 2012 mit der Harvard University zusammen. Derzeit sind im Rahmen des „Harvard College Europe Program“ 20 Studierende der Elite-Uni in Baden-Württemberg, besuchen Vorlesungen und Seminare. Im Gegenzug gibt es für einzelne Freiburger Studierende die Option, an die Harvard University zu gehen. Das heißt jedoch nicht, dass automatisch genauso viele Studierende in die USA gehen wie von dort kommen. Und das ist auch nicht der Punkt: „Unsere Studierenden haben so aber die Möglichkeit, in Kontakt mit Menschen einer Elite-Uni zu kommen – und dieser Austausch ist für beide Seiten gewinnbringend.“

Deutsche Studierende gehen meist nicht so weit weg, sie wählen für ihre Auslandsaufenthalte vor allem Länder in der Nähe: Nach Angaben der Studierendenstatistik des Statistischen Bundesamtes sind das unter anderem die Niederlande, Österreich, Frankreich, Großbritannien und die Schweiz. Längst nicht alle gehen schon während des Bachelorstudiums, viele machen den Schritt erst im Masterstudium, was durch spezielle Programme wie etwa Erasmus Mundus vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) auch besonders gefördert wird. Doch egal, wann, woher und wie weit weg: Um bei den zahlreichen unterschiedlichen Angeboten der Hochschulen den Überblick zu bekommen, ziehen viele Studierende internationale Rankings zurate (siehe Hintergrund „Welche Hochschulrankings gibt es?“)

Die Internationalisierung verändert an den Hochschulen auch das Lernen. Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus zum Beispiel nahm am Programm zur Förderung der Integration ausländischer Studierender (PROFIN) des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) teil und setzte dafür neue Ideen durch. Dazu gehörte unter anderem ein interkultureller Studienvorbereitungskurs, in dem deutsche und ausländische Studierende auf das gemeinsame Lernen in einem multinationalen Umfeld vorbereitet werden. „Ein Schwerpunkt des Kurses war die Reflexion verschiedener Lehr- und Lernkulturen sowie kulturell bedingt verschiedene Kommunikations-, Lern- und Arbeitsstile, die einen Einfluss auf das gemeinsame Studieren in multikulturellen Gruppen haben“, erklärt BTU-Präsident Professor Walther Zimmerli. Durch diese Angebote lernten auch deutsche Studierende die didaktischen Herangehensweisen in anderen Wissenschaftskulturen kennen. „Dank dieser Sensibilisierung sind sie für die Gruppenarbeit mit internationalen Studierenden – beispielsweise im Rahmen von Studienarbeiten oder Laborpraktika – viel besser gerüstet.“

Gero Federkeil vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE).

Gero Federkeil

Foto: Privat

Doch wie erkennt man in Deutschland einen gut konzipierten Studiengang mit internationalem Flair? Gero Federkeil vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) nennt einige Aspekte, die auch im CHE-Ranking berücksichtigt werden: „Dazu gehören ausländische Studierende im Studiengang, internationale Erfahrungen der Lehrenden, fremdsprachige Lehrveranstaltungen, der Austausch von Studierenden und gemeinsame Abschlüsse mit ausländischen Hochschulen.“

Gute Karten beim Jobeinstieg

Solche Bedingungen während des Studiums können später beim Jobeinstieg helfen. „Wir schätzen es, wenn jemand von einer international ausgerichteten Hochschule kommt – wir sind ja selber auch in über 130 Ländern aktiv“, sagt zum Beispiel eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Internationalität im Studium könne helfen, sich besser in einem weltweit aufgestellten Unternehmen in andere Kulturen und deren Bedürfnisse hineinzuversetzen, was wiederum der Arbeit im Unternehmen gut tue. Das gilt aber nicht nur für Großunternehmen, sondern auch für mittelständische, wie Irene Seling von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände sagt. „Auch sie sind oft international ausgerichtet und da kann es ebenfalls von Vorteil sein, wenn man entsprechende Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenzen mitbringt.“ Hinzu kommen die im Studium geknüpften Kontakte und Netzwerke. „Unternehmen sind häufig nicht nur am Know-how der Absolventen interessiert, sondern auch an deren Kontakten“, sagt Otto Pompe, Berater für akademische Berufe der Arbeitsagentur in Rheine. „Hochschulen mit vielen ausländischen Studierenden bieten hier eine optimale Plattform für die länderübergreifende Vernetzung.“

abi>> 16.04.2012