Julia Klingner ist begeistert. Die 24-Jährige wird virtuell durch ihren Studienalltag begleitet. Sie nutzt eine Lernplattform, in die sie sich jederzeit einloggen kann. Zu allen Vorlesungen kann sie dort Folien sowie ergänzende Materialien abrufen und bequem aus dem Internet herunterladen. Außerdem findet sie dort zu allen Lehrveranstaltungen ein Forum, wo sie mit ihren Kommilitonen über die Lerninhalte diskutieren kann. „Der virtuelle Lernraum wird so zu einer zentralen Anlaufstelle für einen Kurs, die ich sehr sinnvoll finde“, sagt die Studentin, die im sechsten Semester an der Fachhochschule Lübeck Informatik/Softwaretechnik studiert.
Übungsaufgaben online
„Viele Lehrende nutzen virtuelle Möglichkeiten, um beispielsweise Texte und Übungsaufgaben zur Verfügung zu stellen. Studierende können mittels Foren oder Wikis an einem Seminarthema arbeiten“, sagt Simone Haug vom Projekt e-teaching.org, ein Informationsportal für Hochschullehrende, das den Einsatz digitaler Medien in der Lehre fördern möchte.
Bisher finden die meisten webbasierten Angebote seminarbegleitend statt. „Allerdings wird die Aufzeichnung von Standard-Vorlesungen immer häufiger“, sagt Simone Haug. „Studierende haben dadurch den Vorteil, dass sie die Vorlesung jederzeit zu Hause am Computer oder unterwegs auf dem iPad oder Smartphone wiederholen können. Einige Lehrende sind aus didaktischen Gründen dazu übergegangen, die Vorlesungen nur noch als Video zur Verfügung zu stellen. Die eigentliche Vorlesungszeit wird dann zur Besprechung von Fragen und zur Diskussion genutzt.“ Hochschulverbünde wie die Virtuelle Hochschule Bayern oder den RuhrCampusOnline ermöglichen Studierenden außerdem, Online-Seminare an den Partnerhochschulen zu besuchen.
Noch wenig verbreitet sind hierzulande reine Online-Studiengänge. „Was die Qualität angeht, sind sie sicher mit den Präsenzangeboten vergleichbar“, sagt Simone Haug. „Nötig ist allerdings eine intensive Betreuung der Studierenden, die viel Motivation und Selbstdisziplin mitbringen müssen.“ Nach Einschätzung von Professor Dr.-Ing. Rolf Granow, E-Learning-Beauftragter der Fachhochschule Lübeck, sind Dreiviertel aller Studierenden in diesen Studiengängen nebenbei berufstätig: „Wer direkt nach dem Abitur ein Studium beginnt, hat eigentlich keinen Grund, sich für ein Onlineangebot zu entscheiden. Die Hochschule ist auch ein sozialer Raum, in dem man Erfahrungen machen kann, die der Persönlichkeitsentwicklung dienen“, sagt er.
Ausstattung verbessern
Die neuen technischen Möglichkeiten führen dazu, dass die Hochschulen technisch nachrüsten: „Unabhängig von Seminaren bieten die meisten Hochschulen heute ihren Studierenden überall auf dem Campus einen WLAN-Zugang. Zudem wird vermehrt darauf geachtet, dass auch außerhalb der Bibliothek Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, wo in Seminarpausen mit dem Rechner gearbeitet werden kann“, sagt Simone Haug. Über Studieninfonetze im Internet können sich Studierende längst zu Lehrveranstaltungen und Prüfungen anmelden oder Prüfungsergebnisse und aktuelle Informationen abrufen.
Doch sind mit der neuen Lernwelt auch neue Gefahren verbunden? Was passiert, wenn in Foren und Chats beleidigt oder sogar gemobbt wird? „Chats spielen beim E-Learning nur noch eine untergeordnete Rolle. Mittlerweile gibt es bessere technische Möglichkeiten durch Konferenzsoftware, in der mit Ton und Bild synchron kommuniziert werden kann“, sagt Leif Pullich, Leiter des E-Learning-Centers der TU Darmstadt. „Dass bei Uni-Lehrveranstaltungen in Foren nicht konstruktiv kommuniziert wird, ist eher eine Randerscheinung. Unterbinden kann man dies, indem klare Regeln für die Nutzung eines Forums aufgestellt werden, indem die Teilnehmer sich mit ihrem Namen anmelden müssen oder dadurch, dass die Verantwortlichen für eine Lehrveranstaltung die Beiträge erst dann frei schalten, wenn sie gegengelesen wurden.“ Für den Umgang mit den Programmen finden meist Einführungen statt, die Software wird in der Regel von den Hochschulen gestellt. Allerdings müssen die PC der Studierenden in der Regel bestimmte Standards erfüllen. Die zuständigen Stellen der Hochschule können hier Auskunft geben.
Und wie sieht es mit der Gefahr des ,Diebstahls geistigen Eigentums‘ aus, zum Beispiel wenn Arbeitsergebnisse in einem Wiki veröffentlicht werden? „Die Gefahr, dass andere abschreiben könnten, ist bei jeder Veröffentlichung gegeben. Wikis bilden da keine Ausnahme“, sagt Leif Pullich. „Allerdings bietet die Technik Möglichkeiten, genau nachzuvollziehen, wer welche Veränderung an einem Wiki-Beitrag vorgenommen hat. Die Leistungen des einzelnen sind somit besser nachvollziehbar.“
Erfahrungen in Sachen onlinebasierter Zusammenarbeit zu machen, ist auch für die spätere Karriere sinnvoll. „In der Forschung beispielsweise wird es zunehmend normal, gemeinsam an verschiedenen Standorten an einem Forschungsprojekt zu arbeiten, auch in internationalen Zusammenhängen. Da kann im Studium erworbene Erfahrung in der Nutzung von Online-Medien nur hilfreich sein. Auch in vielen internationalen Unternehmen ist Online-Kommunikation und -Kooperation selbstverständlich“, sagt Leif Pullich.
Medienkompetenz erwerben
Und eines steht fest: Wer einen Teil oder gar den gesamten Studienalltag im Netz verbringt, erwirbt viel Medienkompetenz. Und das bedeutet vor allem Disziplin, um den Verlockungen virtueller Welten, sprich dem ziellosen Surfen, zu widerstehen. „Wichtig ist auch, dass Studierende wissen, wo sie seriöse Informationen bekommen und wie sie die Relevanz von Informationen beurteilen können. Im Zeitalter des ,Copy & Paste‘ gehört dazu auch, die Regeln im Umgang mit fremden Quellen zu kennen und anzuwenden“, sagt Simone Haug. Denn einfach aus dem Netz für die eigenen wissenschaftlichen Arbeiten zu kopieren, kann unangenehme Folgen haben. „Viele Hochschulen verfügen inzwischen über spezielle Softwareprogramme, um Plagiate zu erkennen“, sagt Simone Haug. „Zum Thema Informations- und Medienkompetenz bieten viele Hochschulbibliotheken Seminare an. Wer sich für das Thema Medienkompetenz interessiert, der sollte in den E-Learning-Einrichtungen vorbeischauen“, rät sie.






