Im zweiten Anlauf
Nochmal was Neues probieren, näher bei der Familie sein, die besser ausgestattete Uni — für einen Hochschulwechsel gibt es viele Gründe. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der "Studien-Nomaden" konstant geblieben — obwohl der Aufwand groß ist, wenn man sich im Studium verändern möchte. In jedem Fall sollte man sich vorab genau informieren.
"Wenn die Wunschhochschule keine freien Plätze hat, braucht man einen gleichwertigen Tauschpartner, der einem selbst vom Fachsemester und Leistungsbild gleicht", sagt Bernhard Scheer, Sprecher des Portals hochschulstart.de.
Foto: André Deco
Richtig glücklich mit ihrem Studium wurde Astrid Popescu erst im zweiten Anlauf. Zuerst ging die Münchnerin nämlich nach Frankfurt am Main, die Stiftung für Hochschulzulassung – medizinische Fächer und Pharmazie sind bundesweit zulassungsbeschränkt – hatte ihr dort einen Platz für Zahnmedizin zugeteilt. „Ich habe mich an der Uni aber nicht wohlgefühlt, ich fand die Studienbedingungen dort nicht so gut, und ich wollte gerne mehr in die Nähe meiner Familie und Freunde“, erzählt die 26-Jährige. Deswegen versuchte sie schon bald, die Uni zu wechseln - doch das war gar nicht so einfach. Vor allem fiel es ihr schwer, einen passenden Tauschpartner mit identischen Scheinen zu finden. Aber dann klappte es doch: Im Frühjahr, nach dem Physikum, ergatterte sie einen freigewordenen Platz im sechsten Semester an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Ich bin jetzt mit dem Studium sehr zufrieden und fühle mich viel wohler – das war eine wirklich gute Entscheidung“, sagt sie.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten zum Hochschulwechsel. „Man kann im selben Studiengang von einer Hochschule zur anderen wechseln, von einer Hochschulart zu einer anderen umsteigen oder für einen neuen Studiengang an eine andere
Hochschule gehen“, erklärt Studienberaterin Juliane Just-Nietfeld von der Gesellschaft für Information, Beratung und Therapie an Hochschulen (GIBeT). Ein Wechsel sei grundsätzlich in jedem Studiengang möglich. Allerdings sei das abhängig vom Fach und Studienabschluss mal einfacher, mal schwieriger.
Pro und Contra
In jedem Fall sollten sich Bachelor-Studierende genau überlegen, ob sie die Hochschule tatsächlich wechseln wollen. „Besonders durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge gibt es eine größere Vielfalt an Studiengängen und Studienschwerpunkten“, weiß Thomas Vielhauer, Koordinator Team Akademische Berufe der Arbeitsagentur in Hamburg. Da könne es schon mal Schwierigkeiten mit der Anerkennung aller erbrachten
Leistungen geben. Das hat auch Expertin Just-Nietfeld erlebt. „Die neuen Studiengänge sind oft weniger miteinander vergleichbar.“ Wer beispielsweise in einem Zwei-Fach-Bachelor ein Major- und ein Minor-Fach studiere und zu einer Hochschule wechsle, wo die Fächerkombination als Equal-Bachelor – also mit zwei gleichwertigen Fächern – angeboten werde, habe wahrscheinlich in einem Fach zu wenige Leistungsnachweise und in dem anderen bereits mehr als die Geforderten erbracht. „Beim Bachelor würde ich niemandem empfehlen, zu wechseln“, erklärt Annedore Bröker, Beraterin der Arbeitsagentur in Hamburg. Sinnvoller sei es, das Studium durchzuziehen und dann mit dem Master die entsprechenden Weichen zu stellen.
Handelt es sich um einen Ein-Fach-Bachelor, kann der Wechsel allerdings auch relativ reibungslos und ohne Zeitverlust verlaufen – vorausgesetzt, die Uni hat freie Studienplätze und der Bewerber setzt sich mit sehr guten Leistungen gegen seine Konkurrenten durch – wie im Falle von Yanina Pereslavtseva, die im Fach Architektur von Karlsruhe an die TU München wechselte.
Bei beliebten Studiengängen sind freie Plätze meist heiß umkämpft: Wer etwa im vierten Semester merkt, dass es künftig an einer anderen Hochschule weitergehen soll, kann sich an seiner Wunschuni für das fünfte Semester im selben Fach bewerben. „Das klappt meistens dann gut, wenn die Hochschulen ihre frei gewordenen Plätze gerne wieder besetzen wollen oder der Studiengang zulassungsfrei ist.“ Bei örtlich und bundesweit zulassungsbeschränkten Studiengängen, die sehr beliebt sind, ist ein Studienplatztausch wegen der großen Nachfrage meistens die einzige Möglichkeit, an eine andere Hochschule zu wechseln. In medizinischen Studienfächern ist das Physikum eine gute Gelegenheit, um den Wechsel zu vollziehen.
Auch beim Wechsel des Abschlusses sollten Stolpersteine einkalkuliert werden: Schwierig kann es werden, wenn man mit der Hochschule den angestrebten Abschluss – etwa von Bachelor zu Staatsexamen – wechseln möchte. „Auch dann kann es Probleme mit der Anerkennung von Leistungen geben, weil bei unterschiedlichen Abschlüssen unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden und es unterschiedliche Anforderungen gibt“, sagt Beraterin Just-Nietfeld.
Die Folge: Durch einen Hochschulwechsel verlieren viele Studierende Zeit – sie werden häufig in ein niedrigeres Fachsemester eingestuft als an ihrer bisherigen Hochschule. „Erfahrungsgemäß verliert man etwa ein Fachsemester“, sagt Berater Vielhauer. Juliane Just-Nietfeld kennt das Problem ebenfalls. „Eine Studienzeitverlängerung kann sein, muss aber nicht.“ Auch deswegen sei es wichtig, im Vorfeld beim Prüfungsamt der neuen Hochschule zu klären, welche Leistungen anerkannt werden. (siehe Interview „Einen Wechsel sollte man frühzeitig angehen“)
Trotz aller Unwägbarkeiten: Ein Hochschulwechsel kann sich aber später auch gut im Lebenslauf machen, findet Berater Vielhauer. „Ein Hochschulwechsel zeigt, dass man flexibel ist und sich für sein Studium engagiert.“ Immerhin merke man oft erst im Studium, was einen wirklich interessiere und welche Schwerpunkte man setzen wolle. „Wer dann zu der Hochschule geht, wo er die eigenen Interessen besser verwirklichen kann, zeigt, dass er Mobilität nicht nur bekundet, sondern auch praktiziert“, so Berater Vielhauer. „Und das sehen Arbeitgeber gerne.“
Unterschiedliche Gründe
Die Zahlen sprechen für sich: So wie der Zahnmedizinerin Astrid Popescu ergeht es vielen Studierenden in Deutschland. Das Deutsche Studentenwerk in Berlin stellte in seiner 19. Sozialerhebung fest, dass rund 14 Prozent aller Studierenden in ihrem Erststudium die Hochschule gewechselt haben, 19 Prozent darunter wechselten sogar das Studienfach. Für den Hochschulwechsel gibt es demnach unterschiedliche Ursachen, meist wurden bei der Befragung mehrere gleichzeitig
angegeben: Ist bei rund 65 Prozent der Studierenden der Sprach-, Kultur und Sozialwissenschaften, Psychologie und Pädagogik der Wechsel der Hochschule häufig mit einem Wechsel des Studiengangs verknüpft, wechseln etwa 60 Prozent der angehenden Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler und Mediziner vor allem wegen besserer Studienbedingungen. „Weitere Gründe für eine andere Hochschule waren eine attraktivere Stadt und der Ruf der Hochschule“, so Georg Schlanzke vom Deutschen Studentenwerk (DSW).
Scheine anerkennen lassen
Findet sich ein freier Platz an der Hochschule oder ein entsprechender Tauschpartner, muss die Anerkennung der bereits erbrachten Leistungen vorgenommen werden. „Dafür gibt es keine Pauschalregeln“, berichtet Berater Vielhauer. „Stattdessen handelt es sich um Einzelfallentscheidungen, bei denen man sich alle Leistungen individuell anerkennen lassen muss.“ Studienberaterin Just-Nietfeld rät, unbedingt vor dem Wechsel an der Wunschhochschule zu klären, welche Leistungen anerkannt werden und in welches Fachsemester man eingestuft werden könnte. „Dann erlebt man nachher keine Überraschungen.“ Auch bei einem Wechsel des Studienfachs lohnt sich die Kontaktaufnahme mit dem Prüfungsamt: Wenn man Glück hat, kann man sich die einzelnen Scheine wie etwa den Anatomieschein aus der Medizin bei einem Wechsel zur Psychologie einzeln anrechnen lassen.
Wichtig: Finanzen klären!
Mit dieser Einschätzung sollte man dann zum BAföG-Amt gehen. „So kann man noch am bisherigen Studienort regeln, unter welchen Bedingungen die Förderung fortgesetzt wird“, weiß Beraterin Just-Nietfeld. Wird nur die Hochschule und nicht das Studienfach gewechselt, hat dies grundsätzlich keinen Einfluss auf die BAföG-Bewilligung – es ist nun lediglich das Amt für Ausbildungsförderung an der neuen Hochschule zuständig. Wegen der Umstellung kann es allerdings zu Verzögerungen kommen.
Schwierigkeiten können sich dann ergeben, wenn mit dem Ortswechsel auch die Studienrichtung geändert wird. Innerhalb der ersten beiden Semester kann zwar ohne Begründung und ohne Einfluss auf das BAföG das Studienfach gewechselt werden. Danach muss allerdings der Fachrichtungswechsel – also etwa von Biologie zu Physik oder von Staatsexamen zu Bachelor – schriftlich begründet werden. Wenn ein „wichtiger Wechselgrund“ vorliegt, wird im neuen Studienfach sogar die gesamte neue Regelstudienzeit bewilligt. „Das kann beispielsweise ein Tiermedizin-Student sein, der erst in entsprechenden Praktika merkt, dass ihm die Arbeit mit Tieren nicht liegt“, erklärt Oliver Leitner, Leiter des Amts für Ausbildungsförderung der TU München.
Außerdem müssten Hochschul-Wechsler wie bei jedem anderen Umzug weitere organisatorische Dinge beachten, zum Beispiel: Muss ich meine Versicherungen ändern? Und wo melde ich mich an? Immerhin könnten durch einen zweiten Wohnsitz Extra-Steuern anfallen.
Angesichts dieser vielen Aspekte, die bei einem Wechsel beachtet werden müssen, rät Beraterin Just-Nietfeld, sich möglichst früh an die Beratungsstellen der gewünschten Hochschule zu wenden. In vielen Fällen gilt: „Je früher man wechselt, desto einfacher klappt es meist mit der Anerkennung der Leistungen.“








