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Alles total digital im Hörsaal?

Der Arbeitsplatz eines Studierenden
Über Online-Lernplattformen können sich Studierende Übungen, Skripte, Videos und mehr herunterladen, um zuhause am Laptop zu lernen.
Foto: Verena Westernacher

Neue Studienformen

Alles total digital im Hörsaal?

Deutsche Hochschulen lassen sich derzeit einiges einfallen, um Wissen zeitgemäßer zu vermitteln. Dozierende passen ihre Vorlesungen dank Online-Tests an den tatsächlichen Wissensstand der Studierenden an, vermitteln insbesondere die Grundlagen per Video oder ermöglichen dank virtueller Lernplattformen das Studieren aus der Ferne. Doch für wen ist welches Angebot geeignet?

In der Schule hatte Theresa Liegl schwer mit dem Fach Physik zu kämpfen: „Ich hatte immer nur Vierer und Fünfer“, erinnert sie sich. Heute studiert die 21-Jährige Energie- und Gebäudetechnologie im sechsten Semester an der Fachhochschule Rosenheim – und hat mittlerweile das Kriegsbeil mit der Naturwissenschaft begraben. „Meine Professorin geht ganz anders an das Fach ran als meine Lehrer an der Schule. Sie hat es geschafft, dass ich konstant, Schritt für Schritt mitlerne“, sagt Theresa Liegl. Was ihre Dozentin anders macht: Sie wendet die Lehrmethode „Just in Time Teaching“ an, kurz JiTT.

Ein Porträt-Foto von Theresa Liegl

Theresa Liegl

Foto: privat

Bei JiTT bereiten sich die Studierenden Woche für Woche aktiv auf jede Vorlesung vor. „Auf einer digitalen Lernplattform erfahre ich, welche Inhalte in der nächsten Vorlesung drankommen und welche Seiten unseres Lehrbuchs ich dafür durchackern muss. Wenn ich denke, ich habe das Thema verstanden, beantworte ich online Multiple-Choice-Fragen“, erläutert die Studentin. Ihre Dozentin sieht sich die Ergebnisse der Online-Tests an und weiß daher, wo es noch hakt. „In der Vorlesung geht sie dann gezielt auf das ein, was den meisten in den Online-Tests schwerfiel. Das Lernen wird so zu einem Dialog“, findet Theresa Liegl.

Sie räumt aber auch ein, dass nicht alle Kommilitonen so begeistert sind wie sie: „Der Lernaufwand während des Semesters ist sehr hoch. Andererseits muss man, wenn man permanent dran bleibt, am Semesterende für die Klausur nicht mehr so viel lernen.“

Ein Drittel der Hochschulen nutzt digitale Lehransätze

Neue Lehrmethoden, bei denen Online-Selbstlernphasen die Präsenzveranstaltungen ergänzen, sind an deutschen Hochschulen auf dem Vormarsch. Sie nennen sich etwa Blended Learning, Inverted Classroom oder hybrides Lernen. (Mehr etwa zum Thema Blended Learning erfährst du in „Allein lernen, zusammen vertiefen“.)

Ein Porträt-Foto von Klaus Wannemacher

Klaus Wannemacher

Foto: Andrea Focke-Bödeker

Laut einer Studie des Hochschulforums Digitalisierung arbeitet mehr als ein Drittel der Hochschulen mit solchen neuen Lehransätzen. „Fast alle haben mittlerweile Lernplattformen implementiert und stellen Studierenden Materialien online zur Verfügung“, erläutert Studienautor Klaus Wannemacher. „Wir haben alle 400 Hochschulen befragt und festgestellt: Fast 75 Prozent reichern ihre Veranstaltungen mit digitalen Komponenten an oder planen, dies zu tun“, erklärt er. Damit sind aber meist eher ältere Medien gemeint: Powerpoint statt Overheadprojektor, Skripte als PDF oder abgefilmte Vorlesungen.

Virtuelle Klassenräume, digitale Diagnosetools für angehende Mediziner und andere innovative Ansätze sind dagegen noch im Versuchsstadium. „Ob digitales Lernen rein didaktisch etwas bringt, ist ohnehin noch völlig unklar. Bisher wurde die Digitalisierung der Lehre aus einem sehr technischen und organisatorischen Blickwinkel vorangetrieben. Was auf der Strecke blieb, sind die eigentlichen Lernkonzepte. Das holen die Hochschulen erst langsam nach“, betont Klaus Wannemacher.

Videokurse für jeden, weltweit

Einige Hochschulen produzieren etwa interaktive Videokurse und bieten sie als Massive Open Online Courses (MOOCs) kostenlos auf Online-Plattformen wie edX oder Coursera an. (Wie MOOCs funktionieren, erfährst du in „Online-Vorbereitung aufs Masterstudium“) Vor allem Dozierende naturwissenschaftlicher, technischer und sozialwissenschaftlicher Fächer tun sich hier laut dem Experten besonders hervor. (Ein Beispiel ist der Informatik-Professor Jörn Loviscach, der der Welt Mathematik anhand von Videos näherbringt, wie du in „Grundlagen schaffen per Video“ nachlesen kannst.). MOOCs sind spannend für Leute, die sich lebenslang weiterbilden wollen. Hier steht der Wissenserwerb, nicht ein bestimmter Abschluss im Mittelpunkt.

Von Nanodegrees und Vorbereitungskursen

Anders handhabt das die Online-Plattform Udacity: Sie bietet sogenannte Nanodegrees im IT-Bereich mit Titeln wie Data Analyst, Android Developer oder Front-End-Webentwickler. Die Kurse sind kostenpflichtig und werden in Zusammenarbeit mit Technologie-Unternehmen wie Google, Facebook oder GitHub entwickelt.

„Als Alternative für eine grundlegende Ausbildung oder ein Studium sehe ich diese Angebote nicht“, merkt Sabine Najib an, Berufsberaterin der Agentur für Arbeit Osnabrück. In ihren Beratungsterminen informiert sie regelmäßig über digitale Lernangebote. „Um eine beruflich verwertbare Qualifikation durch diese Nanodegrees zu erlangen, ist Deutschland bisher einfach noch nicht offen genug“, weiß sie aus Erfahrung.

Brückenkurse wie das Online-Mathevorbereitungsprogramm „OMB plus“ der Deutschen Physikalischen Gesellschaft dagegen findet sie in jedem Fall sinnvoll. „Während eines Freiwilligen Sozialen Jahres gedanklich am Ball bleiben oder während einer Auszeit im Ausland – dafür sind solche Online-Kurse prima“, sagt sie.

Studium aus der Ferne

Ein Porträt-Foto von Sabine Najib

Sabine Najib

Foto: privat

Es gibt aber auch E-Learning-Programme, die zu einem staatlich anerkannten Studienabschluss führen. An der Virtuellen Fachhochschule (VFH) etwa, einem Zusammenschluss mehrerer deutscher Hochschulen, kann man unter anderem BWL, Wirtschaftsinformatik und Medieninformatik auf Bachelor und Master online studieren. (Von diesem Angebot handelt der Erfahrungsbericht „Videokonferenz statt Vorlesung an der Uni“). „Diese Art der Studiengänge eignet sich für alle, die sich berufsbegleitend weiterbilden wollen, Kindererziehung und Studium unter einen Hut bringen müssen oder in ihrer Mobilität eingeschränkt sind“, erklärt die Berufsberaterin.

Allerdings fallen – außer an der Fernuni Hagen – Studiengebühren von 10.000 Euro und mehr pro Online-Abschluss an. Zudem gibt Sabine Najib zu bedenken: „Die Abbrecherquote in Fern- und Online-Studiengängen ist generell sehr hoch. Es fehlt die Verbindlichkeit, der lebendige Austausch, die Tagesstruktur – kurz: der akademische Geist. Man muss sehr motiviert, reif und diszipliniert sein, um das durchzuziehen. Deshalb empfehle ich, ein Fernstudium mit einer Gasthörerschaft an der Uni vor Ort zu kombinieren.“

Präsenzlehre hat trotzdem Zukunft

Also doch nicht alles total digital? „Ich gehe davon aus, dass die Präsenzlehre weiterhin eine zentrale Rolle spielen wird. Nur ein Fünftel der Studierenden erwartet digitale Inhalte. Und selbst die Digital Natives, also jene, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind, fordern das nicht vehement ein“, sagt Hochschulforscher Klaus Wannemacher.

Die Beratungserfahrung von Sabine Najib gibt ihm recht: „Mich hat noch nie jemand gezielt nach einem Studiengang gefragt, der besonders viele digitale Lernelemente einbindet. Und das ist auch gut so, denn bei der Studienwahl sollte immer das Fach im Vordergrund stehen – alles andere ist erst mal zweitrangig.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen. Unter dem Punkt „Studienform“ kannst du etwa gezielt nach Fernstudiengängen suchen.
www.studienwahl.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Ausbildungen suchen; bei Interesse an Online-Kursen kannst du ein Häkchen bei „E-Learning“ setzen.
www.kursnet.arbeitsagentur.de

Hochschulforum Digitalisierung

www.hochschulforumdigitalisierung.de/de

Einige Anbieter von Fern- und Online-Studienformaten:

Fernuniversität Hagen

Einzige staatliche Fernuniversität Deutschlands
www.fernuni-hagen.de

Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen

www.zfh.de

Jade Hochschule

www.jade-hs.de/studium/weiterbildung/online-studium/

Virtuelle Hochschule Bayern

www.vhb.org

Virtueller Campus Rheinland-Pfalz

www.vcrp.de

Online-Studium der Hochschule Wismar

www.wings-fernstudium.de

abi>> 06.08.2018

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