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Studieren in Osteuropa

Ostwärts

Studieren in Osteuropa? Die wenigsten deutschen Studierenden entscheiden sich für ein Studium in Tschechien, Lettland oder Ungarn. Dabei warten die Hochschulen mit guter Betreuung auf.

Auf dem Foto sind gestapelte Bücher zu sehen. Eines ist aufgeschlagen. Auf den Buchseiten stehen kyrillische Schriftzeichen.

Wenige deutsche Studierende beugen sich in Osteuropa über die Lehrbücher.

Foto: Frank Pieth

Eine, die den Sprung ins Unbekannte gewagt hat, ist Kristina Becker aus Würzburg. Die 26-Jährige war 2007 an der Universität Heidelberg im Bachelorstudiengang „Übersetzen & Dolmetschen mit dem Schwerpunkt Russisch“ eingeschrieben, als sie beschloss, ihre Sprachkenntnisse während eines Auslandsaufenthalts zu vertiefen. „Unser Studiengang wurde gerade auf Bachelor beziehungsweise Master umgestellt und umstrukturiert, deshalb gab es noch keine offiziellen Hochschulkooperationen“, berichtet sie. „Da wir aber Hausarbeiten auf Russisch schreiben sollten, musste ich dringend an meinen Sprachkenntnissen arbeiten.“ Kristina Becker hat sich dann kurzerhand zusammen mit einer Kommilitonin daran gemacht, selbst einen Auslandsaufenthalt zu organisieren. Nach vielen Gesprächen mit Mitarbeitern von Lehrstuhl und Deutschem Akademischen Austauschdienst (DAAD) bekamen sie schließlich grünes Licht für einen Aufenthalt an der Staatlichen Universität St. Petersburg. Sie wurden von den russischen Studiengebühren befreit und kamen kostenlos in einem Wohnheim unter.

„In Russland hatten wir eine Mentorin, die auch Dozentin an der Uni war und sich um uns kümmerte“, erinnert sich die 26-Jährige. „Sie hat uns Sprachunterricht gegeben und dabei einen Schwerpunkt auf russische Geschichte, Geografie und Landeskunde gelegt.“

Osteuropa wenig beliebt

Kristina Becker trägt kurzes, blondes Haar. Sie steht vor einem historischen Haus, was man an den barocken Verzierungen an der Fassade erkennen kann.

Kristina Becker

Foto: Privat

Die Erfahrungen von Kristina Becker haben nur wenige gemacht. Während Deutschland bei Studierenden aus Osteuropa auf den vorderen Rängen der beliebtesten Länder rangiert, sieht es umgekehrt nämlich komplett anders aus. Ein Beispiel: Aus Russland gehen jährlich etwa 3.000 Bewerbungen für einen Auslandsaufenthalt beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) ein. Dazu kommen jeweils 1.000 aus Polen und der Ukraine. Gleichzeitig schaffte es 2009 laut dem Überblick „Deutsche Studierende im Ausland“ vom Statistischen Bundesamt kein einziges osteuropäisches Land auf die vorderen Ränge der beliebtesten Ziele deutscher Studierender: Polen meldete 630, Tschechien 394, Russland 191 und Estland 25. Dagegen zog es in die Niederlande 20.805 Deutsche, nach Österreich sogar 23.706.

Um die Situation zu ändern, hat der DAAD 2002 die Initiative „Go East“ ins Leben gerufen, „um den akademischen Austausch mit Ländern Mittel-, Südost- und Osteuropas sowie der GUS zu fördern“, wie es auf der Webseite der Initiative heißt. Unterstützt werden etwa Studierende, die an einer Sommerschule teilnehmen oder ein komplettes Semester im osteuropäischen Ausland verbringen wollen. Mit der finanziellen Unterstützung vom DAAD haben es seitdem immerhin knapp 5.000 Deutsche nach Osteuropa geschafft. Aber auch mit einem Programm wie ERASMUS kann man den Sprung nach Osteuropa wagen.

Studienablauf wie in Deutschland

Die Vorteile eines Auslandsstudiums liegen auf der Hand: Neue Freunde finden, sich von späteren Mitbewerbern abheben und die Sprache lernen. Für ein Studium in Osteuropa spricht laut Dr. Peter Hiller, Leiter der Initiative „Go East“ beim DAAD zusätzlich die Tatsache, dass Deutschland für viele osteuropäische Unternehmen ein wichtiger Handelspartner ist. Durch die landesspezifischen Kenntnisse, die Studierende während eines Auslandsaufenthaltes erwerben, hätten sie also zudem erhöhte Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Das Studium selbst kann in Osteuropa nahtlos fortgesetzt werden: Die meisten Hochschulen haben mittlerweile auf die Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt. „Die Unis in Osteuropa haben sich die deutschen zum Vorbild genommen, gerade auch hinsichtlich der Kooperationen, und die Bologna-Umstrukturierungen vorbildlich umgesetzt. Nur in Russland läuft die Entwicklung etwas zögerlicher“, weiß Prof. Norbert Franz, Betreuer im Projekt „Mobilisierte Kulturen“ des Fachbereichs Interdisziplinäre Russlandstudien der Universität Potsdam. Diese Initiative richtet sich etwa an Lehramtsstudierende, die Russisch oder Polnisch belegt haben, und kooperiert mit Universitäten in Moskau, Warschau und Krakau. Die Studierenden werden an der Partnerhochschule ein halbes Jahr betreut, können in Seminaren und Vorlesungen Credit Points sammeln und machen anschließend ein Praktikum an einer Institution oder bei politischen Stellen des Gastlandes.

In den meisten Fällen sind die angebotenen Kurse an osteuropäischen Hochschulen bestens auf deutsche Anforderungen zugeschnitten: „Die Module im Bachelorstudiengang sind ohnehin oft so abstrakt beschrieben, dass viele verschiedene Studienleistungen in Deutschland angerechnet werden können. Wenn Sie die Vorgabe ‚Seminar zur russischen Gegenwartsliteratur‘ haben, ist es ja egal, mit welchem Autor Sie sich beschäftigen“, erklärt Prof. Franz.

Anders als in Deutschland

Trotzdem gibt es aber auch Unterschiede zum Studium in Deutschland, wie Prof. Franz weiß: „In Russland beispielsweise sind die Universitäten viel verschulter. Es wird viel stärker mit Lehrbüchern gearbeitet und auch eher Lehrbuchwissen abgefragt.“ Ähnliche Erfahrungen hat auch Kristina Becker gemacht: „Die Veranstaltungen wurden fast ausschließlich als Frontalunterricht abgehalten. Das war ich nicht gewohnt und es fiel mir mitunter schwer, mich zu konzentrieren.“ Besonders betont Dr. Norbert Franz die Qualität der Lehre: „ Die Hochschulen haben sehr gute Dozenten, die ihre Studierenden individuell fördern, fast Mentoring betreiben.“ Und auch das bestätigt Kristina Becker. „Unsere Dozentin hat ihren Unterricht individuell auf uns zugeschnitten. Wir hatten schon im Vorfeld einen Intensivkurs besucht und waren deshalb grammatikalisch schon relativ fit“, erinnert sie sich. „Die Dozentin hat deshalb viel Wert darauf gelegt, dass wir Vokabeln lernen und Aufsätze schreiben.“ Neben dem Sprachunterricht hat die 26-Jährige viele Philosophievorlesungen besucht.

Vielfältige Möglichkeiten

Ein Wermutstropfen bei Kristina Beckers Aufenthalt in Russland war, dass sie sich keine Studienleistungen anrechnen lassen konnte. „Wir durften zwar alle Veranstaltungen besuchen, die uns interessierten, aber wir haben schon im Vorfeld von der Uni Heidelberg gesagt bekommen, dass sie uns keine Leistungen anerkennen wird.“ Wenn es allerdings eine bestehende Hochschulkooperation gibt, werden in der Regel nicht nur die im Ausland erbrachten Leistungen angerechnet. Je nach Studiengang ist es sogar möglich, einen Doppelabschluss zu erwerben. Der DAAD fördert beispielsweise im Programm „Integrierte internationale Studiengänge mit Doppelabschluss“ Kooperationen deutscher Hochschulen mit Lettland, Polen, Rumänien, Russland und Tschechien. Im Programm von Prof. Franz gibt es noch keine Doppelabschlüsse: „So weit sind wir im Fachbereich Interdisziplinäre Russlandstudien noch nicht. Ich weiß aber, dass es an der Uni Potsdam einen Studiengang in Verwaltungswissenschaft gibt, bei dem man einen Doppelabschluss erwerben kann.“

„Bevor man sich für ein Auslandssemester oder gar ein ganzes Auslandsstudium entscheidet, sollte man klären, ob der Abschluss in Deutschland anerkannt wird“, rät Dr. Peter Hiller vom DAAD. „Hier helfen die Kultusministerien der Bundesländer weiter.“ Dies ist vor allem für diejenigen interessant, die das komplette Studium ins Ausland verlagern möchten und etwa Medizin studieren wollen. Diese Studiengänge werden oft in deutscher Sprache angeboten und reizen deutsche Studierende vor allem dann, wenn ihr Notenschnitt ein Studium in Deutschland nur nach langer Wartezeit erlaubt. Aber sie sind meist sehr kostspielig. Für das sechsjährige Studium der Allgemeinmedizin an der Karlsuniversität Prag zahlt man beispielsweise 13.000 Euro Studiengebühren pro Jahr. Zahnmedizin schafft man in fünf Jahren, für 14.500 Euro pro Jahr. Auch an der Semmelweis-Universität in Budapest kann man sich als Deutscher ohne Zulassungsbeschränkung für ein Medizinstudium bewerben. Die Kosten belaufen sich hier auf 11.800 Euro im Jahr. Nach dem Studium kann man etwa nach Deutschland zurückkehren und eine Facharztausbildung beginnen. Die Approbation muss man beim Landesprüfungsamt für Medizin und Pharmazie beantragen.

Die Jobchancen stehen laut Dr. Hiller nach dem Studium nicht schlecht. „Da Deutschland für viele osteuropäische Länder wichtigster Handelspartner ist, haben Bewerber mit landesspezifischen Kenntnissen natürlich bessere Chancen.“ Aber natürlich kann man die Auslandserfahrung aus dem Studium auch nutzen, um in einem osteuropäischen Land zu arbeiten. Wie die Chancen in den einzelnen Ländern stehen, erfährt man auf der Webseite der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV): In Polen werden etwa Ingenieure und Informatiker gesucht, in Tschechien haben vor allem Anwälte und Architekten gute Aussichten und in Estland gibt es eine starke Nachfrage nach IT-Fachleuten.

Aber egal, ob man ein Semester, ein Jahr oder gleich das ganze Studium in Osteuropa absolviert: Der Aufenthalt kann durchaus zur Persönlichkeitsbildung beitragen, wie Prof. Franz weiß: „Nicht so sehr das Studieren in Osteuropa ist das Neue, sondern das Leben dort.“ Unterschiede im Alltag hat auch Kristina Becker festgestellt: „Völlig ungewohnt waren die Sicherheitsvorkehrungen an der Staatlichen Universität in St. Petersburg. Es gab ein Drehkreuz am Eingang, und jeder Studierende musste sich ausweisen, bevor er durchgelassen wurde. Und ich war Stammkundin in einer russischen Fast-Food-Kette, die Blinis verkauft. So etwas gibt es in Deutschland leider nicht.“

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