Ethik ist Kritik des Egoismus
Was ist Wirtschaftsethik? Sie wendet ethische Normen auf ökonomisches Handeln an. Die zentrale These lautet, knapp gefasst, dass wirtschaftliche Aktivität Folgen für Menschen und Umwelt hat. Soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit dürfen deshalb bei allem Gewinnstreben nicht außer Acht gelassen werden. Professor Karl-Heinz Brodbeck — Ökonom, Kreativitätsforscher, Buddhist — von der Fachhochschule Würzburg ist einer der Pioniere der Wirtschaftsethik.
Professor Karl-Heinz Brodbeck: "Menschen sind keine gewinnmaximierenden Roboter." Foto: Privat abi>>: Herr Professor Brodbeck, muss man die zehn Gebote einhalten, wenn man ein Unternehmen führen will?
Karl-Heinz Brodbeck: Für uns im Abendland gelten diese christlichen Werte, weltweit würde ich nicht alle zehn empfehlen. Aber was an zwischenmenschlichen Regeln drin steckt, sollte eigentlich für alle in der Wirtschaft Tätigen verbindlich sein. Schon weil jeder neben seiner Funktion – gleich ob als Unternehmenschef, Manager oder Arbeiter – auch ein Bürger ist.
abi>>: Spiegelt sich diese ethische Haltung schon in Studienangeboten wider?
Karl-Heinz Brodbeck: In Betriebswirtschaftslehre fängt das langsam an, in Volkswirtschaftslehre fehlt es noch. Obwohl die ja ursprünglich ein Teil der Philosophie war: Gründervater Adam Smith hat die Volkswirtschaftslehre im Rahmen seiner ethischen und juristischen Forschungen entwickelt. In den USA entwickelte sich das Fach „Business Ethics“. Hier gab es aber, als wir in Würzburg angefangen haben, nahezu nichts.
abi>>: Inzwischen ist Wirtschaftsethik in aller Munde …
Karl-Heinz Brodbeck: Ich freue mich, wenn sie sich auch an anderen Hochschulen durchsetzt. Aber mein Optimismus ist gedämpft: Gerade was die Bankwirtschaft betrifft, sind ethische Gesichtspunkte unterbelichtet. Die Finanzmärkte gelten als Weltmärkte und als absolut nicht beherrschbar. Wir realisieren aber: Wenn wir über die Anleger gehen, lassen sich ethische Maximen setzen. Menschen sind ja keine gewinnmaximierenden Roboter. Die Kunden sind nicht nur an Renditen interessiert, sondern an Werten.
abi>>: Führt das zum Umdenken in den Unternehmen?
Karl-Heinz Brodbeck: Sie folgen der öffentlichen Erwartung und wissen, dass man Öffentlichkeitsarbeit in dieser Richtung betreiben muss. Man holt sich gern Leute, die ein bisschen Vorbildung haben. Mit der Diskussion um CO2 und den Klimawandel ist ökologische Ethik als Teilgebiet interessant geworden, hinzugekommen sind interkulturelle und interreligiöse Kommunikation.
abi>>: Sie klingen pessimistisch …
Karl-Heinz Brodbeck: Wenn ich Klartext reden darf? Viele Unternehmen haben sich CSR aufs Tapet geschrieben, die sie nach innen nicht leben. Das ist das berühmte „greenwashing“. Doch ich habe Hoffnung: Viele Leute in diesem Bereich sind hoch engagiert, sie haben eine tiefe ethische Motivation. Langfristig wird sich die ganze Unternehmenskultur verändern.
abi>>: In welche Richtung?
Karl-Heinz Brodbeck: Dass die kühle Dominanz der Finanzmärkte, die soziale Fragen in den Hintergrund hat treten lassen, unterlaufen wird. Es ist kein Zufall, dass wir heute so viel über Ethik und Moral reden müssen. Was verloren gegangen ist, müssen wir wieder reinkriegen.
abi>>: Lohnt sich das?
Karl-Heinz Brodbeck: Wenn die Frage bedeutet, rechnet sich das für Unternehmen auch betriebswirtschaftlich? Dann lautet die Antwort: langfristig schon. Ein fairer Umgang miteinander gibt Sicherheit. Die Mitarbeiter sind produktiver und motivierter, wenn sie Fehler machen dürfen. Diese sind ein unabtrennbarer Bestandteil des kreativen Prozesses, der Innovationen anstößt.
abi>>: Sie selbst sind Buddhist. Hilft Ihnen das beim Verständnis?
Karl-Heinz Brodbeck: Nach Auffassung des Buddhismus entsteht alles Leiden in der Welt aus einer falschen Geisteshaltung. Aus Egoismus, Gier und der Ablehnung. Wenn man diese Egokämpfe versteht, dann ist das eine große Hilfe. Und auch in der Wirtschaft scheint man langsam zu begreifen, dass Gier eine Riesengefahr ist. So verstanden ist Ethik eine Kritik des Egoismus.




