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Bologna-Reform: Der Stand der Umstellung

Viel erreicht — und viel zu tun

Die Bologna-Reform hat die Hochschullandschaft stark verändert. Es gibt viel mehr Studiengänge und eine Vielzahl an Spezialisierungsmöglichkeiten. Studienanfängern eröffnen sich so viele Chancen, sie stehen aber auch vor schwierigen Entscheidungen. Zumal der Umstellungsprozess auf die Bachelor- und Masterabschlüsse noch lange nicht abgeschlossen ist: Nach Kritik von verschiedenen Seiten hat nun die Reform der Reform begonnen.

Voller Hörsaal

Seit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge gibt es auch bei Vorlesungen Anwesenheitspflicht.

Foto: TU Chemnitz

Zwischen Tausenden Studiengängen können Abiturienten inzwischen wählen. Tendenz steigend. „Wer genau weiß, was er machen will, hat auch mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge gute Chancen, einen Studiengang zu finden, der exakt auf seine Bedürfnisse abgestimmt ist“, sagt Werner Brendli, Berater im Hochschulteam der Agentur für Arbeit München. Wer aber noch nicht sicher sagen könne, ob er später wirklich im Bereich Windkraft forschen und entwickeln wolle, der solle sich im Bachelorstudium lieber breit aufstellen und zum Beispiel Energietechnik oder Maschinenbau studieren. Eine fachliche Fokussierung oder Spezialisierung ist dann meist über ein Masterangebot möglich.

Allerdings ist bei der Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge noch Sand im Getriebe, wie unter anderem der bundesweite Bildungsstreik der Studierenden vom Sommer 2009 zeigt. „Allgemein ist insbesondere die durch starre Stundenpläne, hohen Notendruck und Anwesenheitspflicht auch in Vorlesungen reduzierte Flexibilität problematisch. Das andere Problem sind die Lehrkapazitäten: Wir brauchen mehr Personal, um Kursgrößen reduzieren zu können“, fasst etwa Studentin Vera Klöttschen (22) zusammen, die an der Uni Bonn Politik und Soziologie auf Bachelor studiert und auch Vorsitzende des Fachschaftrats ist.

„Ich kann den Unmut der Studierenden verstehen, denn der Protest hat einen Sachgehalt. Um den müssen sich die Politik und die Hochschulverwaltungen kümmern“, sagt Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, der die Bundes- und Länderregierungen bei der inhaltlichen und strukturellen Entwicklung des Hochschulbereichs, der Wissenschaft und der Forschung berät. „Die Bologna-Reform ist auf Seiten der akademischen Lehre unterfinanziert. Es fehlen rund 1,1 Milliarden Euro jährlich – etwa zur Verbesserung der Betreuungsrelation.“

„Umfassendste Reform“

 Doch das ist wohl eher ein generelles Problem im Bildungsbereich als ein spezielles Bologna-Problem. „Die Bologna-Reform ist die umfassendste und tiefgreifendste Studienreform der letzten Jahrzehnte“, bringt es Dr. Peter Zervakis, Leiter des Bologna-Zentrums der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), auf den Punkt. Die Zahlen belegen einen stetigen Fortschritt bei der Umsetzung in Deutschland: Die deutschen Hochschulen haben zum Wintersemester 2009/10 mehr als 80 Prozent aller Studiengänge auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master umgestellt und bieten mittlerweile über 10.000 neue beziehungsweise modifizierte Studiengänge an. Zwar sind derzeit weniger als die Hälfte aller Studierenden in einem neuen Studiengang eingeschrieben – da die zahlenmäßig großen Fächer erst relativ spät umgestellt haben – dafür sind es unter den Erstsemestern bereits fast drei Viertel.

„Deutschland befindet sich im europäischen Vergleich alles in allem in der oberen Mitte und ist führend beim Thema Qualitätssicherung – darauf sind wir stolz“, meint Peter Zervakis. So wurde beispielsweise ein Akkreditierungsrat eingerichtet, der mithilfe unterschiedlicher Agenturen die Qualität der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge überprüft und qualifiziert – eine Art Bildungs-TÜV, bei dem die Hochschulen ihre Studiengänge sozusagen zulassen müssen. Eine Erstzulassung gilt für fünf Jahre, dann erfolgt die Re-Akkreditierung, also eine erneute Prüfung und Zulassung.

Dennoch kommt es seit Einführung der neuen Studienabschlüsse verstärkt zu Problemen, das berichten auch die Studentenwerke der Hochschulen, die beim Deutschen Studentenwerk (DSW) zusammengefasst sind. So ist die Zahl der Ratsuchenden stark gestiegen: Häufige Themen sind Lern- und Arbeitsstörungen, Leistungsprobleme, Arbeitsorganisation sowie Zeitmanagement und Studienfinanzierung. DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde sieht mehrere Gründe für den starken Anstieg der Beratungsnachfrage, schließt eines aber definitiv aus: „Der Bachelor macht nicht per se krank oder depressiv.“ Er weist jedoch darauf hin, dass die Bachelor-Studiengänge den Zeit-, Leistungs- und Finanzierungsdruck auf die Studierenden erhöhen. „Viele können wegen der dichten Studienpläne und der vielen Prüfungen keinem Nebenjob nachgehen, finanzielle Probleme sind die Folge und erhöhen den gefühlten Stress.“

Mehr Wahlmöglichkeiten, weniger Druck

Der Wille zur Weiterentwicklung der Reform ist da. Die Hochschulen befinden sich bereits seit einiger Zeit mitten in der Nachsteuerung und im engen Dialog mit ihren Studierenden. Die Kultusministerkonferenz (KMK) fordert die Hochschulen dazu auf, die Prüfungsbelastung zu reduzieren, indem beispielsweise nur noch eine Prüfung pro Modul durchgeführt wird oder Module statt mit einer Note einfach als „bestanden“ absolviert werden können. Auch ist angestoßen worden, teilweise die Ergebnisse der Module der ersten Semester weniger zu gewichten, um den Leistungsdruck beim Studienstart zu mindern. Außerdem wird den Hochschulen nahe gelegt, das Angebot an Wahlmöglichkeiten innerhalb des Studiums auszubauen. „In die Studiengänge können künftig beispielsweise Mobilitätsfenster eingebaut werden. Diese ermöglichen dann Auslandsaufenthalte oder auch Praktika im In- und Ausland. Studienleistungen werden nach Vorabsprachen zwischen Lehrenden und Studierenden sowie der Gasthochschule leichter anerkannt“, sagt Peter Zervakis von der HRK. Aber auch die Vertiefung ihrer Partnerschaften sollten Hochschulen verstärkt angehen, um gemeinsam grenzüberschreitende Studiengänge entwickeln zu können. Darüber hinaus sind die Hochschulen angehalten, die vorhandene Bandbreite von Regelstudienzeiten auszunutzen, die sieben und acht Semester betragen kann und nicht wie derzeit häufig nur sechs Semester. „Im Rahmen der ‚Sozialen Dimension‘ des Bologna-Prozesses kümmern wir uns auch um eine Stärkung und um eine bessere internationale Vernetzung der Studentenwerke. Damit zielen wir darauf ab, die Betreuung und Information unserer Studierenden auch bei Auslandsstudien zu verbessern“, sagte Birger Hendriks von der KMK.

Peter Zervakis von der Hochschulrektorenkonferenz appelliert aber auch an die Studierenden, sich frei zu machen von innerem und selbstauferlegtem Druck. „Die jungen Leute versuchen heute, ihr Studium in der Regelstudienzeit durchzuziehen. Das ist klasse, aber es ist auch heute noch möglich, dass man auch ein Urlaubssemester beantragen kann für ein Praktikum oder einen Auslandsaufenthalt, der nicht im Studienplan vorgesehen ist.“

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