Gute Aussichten für Akademiker
Technischer Fortschritt, Globalisierung und zunehmende Digitalisierung verändern den Arbeitsmarkt. Wie wirken sich diese Veränderungen auf die berufliche Zukunft Ihrer Töchter und Söhne aus? Welche Qualifikationen und Fähigkeiten sind besonders gefragt? Gibt es Branchen, die weiter wachsen? abi>> hat die wichtigsten Trends zusammengefasst.
In den Bereichen Forschung, Entwicklung, Organisation und Management wachsen die Beschäftigungschancen.
Foto: KonzeptQuartier
Wie viele andere Wirtschaftsnationen befindet sich auch Deutschland auf dem Weg in die Wissens- und Informationsgesellschaft. „Es werden immer mehr anspruchsvolle und unternehmensbezogene Dienstleistungen benötigt", beschreibt Dr. Franziska Schreyer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) einen wichtigen Trend. Kurz gesagt: Der Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften steigt. Nach Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit wachsen die Beschäftigungschancen beispielsweise in den Bereichen Forschung, Entwicklung, Organisation und Management. Auch die Bedeutung von Tätigkeiten wie Betreuen, Beraten und Publizieren nimmt zu.
Auf einzelne Wirtschaftsbereiche heruntergebrochen bedeutet das, dass vor allem Softwarehäuser, Hardwareberatung, Forschungsinstitute und Entwicklungsabteilungen, Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatung, Markt- und Meinungsforschung, Ingenieurbüros und Werbeagenturen mehr qualifiziertes Personal brauchen. Bereits 2010 könnten 31 Prozent der Arbeitnehmer in diesen Bereichen eine Beschäftigung finden, im Jahr 1995 lag der Anteil noch bei 26 Prozent. Insgesamt, so die Vorhersagen der Arbeitsmarktforscher, könnten im Jahr 2015 fast 75 Prozent der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor ihren Lebensunterhalt verdienen - derzeit sind es rund zwei Drittel.
Immer gesucht: qualifizierter Nachwuchs
In einer Untersuchung aus dem Jahr 2008 beziffern die IAB-Forscher den zusätzlichen Bedarf an Akademikern bis zum Jahr 2020 auf weit über eine Million. Ein Studium lohne sich daher heute noch mehr als früher. „Natürlich sollten Eltern immer auf die Neigungen der eigenen Kinder achten und nichts Unmögliches von ihnen verlangen. Wenn aber die Möglichkeit besteht, ist ein Studium sehr zu empfehlen", sagt IAB-Mitarbeiter Wolfgang Biersack. „Gut ausgebildeter Nachwuchs wird auf dem Arbeitsmarkt immer gesucht." Der demografische Wandel wird diese Entwicklung sogar noch verstärken. Denn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten werden mehr gut qualifizierte Arbeitnehmer das Rentenalter erreichen, als junge Leute auf den Arbeitsmarkt nachrücken.
Das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn unterscheidet daher in seinem Research Report No. 9 mit dem Titel „Zukunft von Bildung und Arbeit - Perspektiven von Arbeitskräftebedarf und -angebot bis 2020", der im Januar 2007 erschienen ist, zwei Formen von Arbeitskräftebedarf: einerseits den Ersatzbedarf, der entsteht, weil Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden und ersetzt werden müssen, andererseits den Expansionsbedarf, der sich aus der langfristigen Expansion der Wirtschaft ergibt. Kurz gesagt: Er drückt also aus, wie viele Arbeitskräfte zusätzlich gebraucht werden, weil die Wirtschaft wächst und nach der Berechnung des IZA neue Stellen geschaffen werden müssten.
Allein den kontinuierlich wachsenden Expansionsbedarf beziffert das IZA nach eigenen Berechnungsmodellen für Fachhochschulabsolventen bis 2020 auf knapp 1,2 Millionen und für Universitätsabsolventen auf knapp 900.000.
Akademiker sind bereits heute vergleichsweise selten arbeitslos. So lag die Quote im Jahr 2005, als zuletzt differenzierte Daten nach Qualifikationsniveau erhoben wurden, nach Angaben des IAB bei 4,1 Prozent. „Natürlich ist ein Studium kein Jobgarant, aber Akademiker haben im Vergleich mit Abstand die niedrigsten Arbeitslosenquoten", bestätigt auch Dr. Franziska Schreyer vom IAB, das Daten über die Beschäftigung von Akademikern seit Mitte der 70er-Jahre bis 2005 ausgewertet hat. Diese lassen laut IAB-Mitarbeiterin Schreyer die Faustregel zu: „Ein Studium schützt vor Arbeitslosigkeit."
Auch in Krisenzeiten stabil
Akademiker sind zudem weniger stark von konjunkturellen Schwankungen betroffen als niedriger qualifizierte Beschäftigte. Judith Wüllerich, Arbeitsmarktexpertin der Bundesagentur für Arbeit, bestätigt, dass das auch für die momentane Krise gilt: „Zwar ist im ersten Halbjahr 2009 die Arbeitslosigkeit insgesamt gestiegen, bei den Akademikern jedoch ist es umgekehrt, hier hat die Nachfrage sogar noch zugenommen." Natürlich räumt sie ein, dass die Krise auch negative Auswirkungen hat. So gebe es beispielsweise „gegenüber dem ersten Halbjahr 2008 weniger offene Stellen für Ingenieure und Unternehmensberater". Bei IT-Fachkräften, Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern komme es darauf an, wie stark die jeweilige Branche von der Krise betroffen ist. Doch mittelfristig rechnet die Arbeitsagentur wegen des Fachkräftemangels auch hier wieder mit einem gegenläufigen Trend.
Technischer Wandel: Anforderungen steigen
„Die Tatsache, dass gut ausgebildete Menschen auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen als Personen mit einem geringen Bildungsstand haben, lässt sich vor allem auf den technisch-organisatorischen Wandel zurückzuführen", erklärt Dr. Christina Anger vom Institut der deutschen Wirtschaft. „Immer mehr Unternehmen setzen verstärkt Informations- und Kommunikationstechnologien ein, um ihre Produktionsprozesse zu beschleunigen und eine flexiblere Anpassung an Kundenwünsche zu erreichen." Damit, so die Expertin, nehmen jedoch auch die fachlichen und methodischen Qualifikationsanforderungen an die Arbeitnehmer zu: „Die modernen Technologien machen einen hohen Ausbildungsstand sowohl bei der Entwicklung als auch bei der Bedienung der neu eingeführten Technologien erforderlich." Ein sicherer Umgang mit PC und Internet beispielsweise wird an vielen Arbeitsplätzen längst als selbstverständlich vorausgesetzt.
„Deutschland ist und bleibt ein Hochtechnologieland - Chemie, Pharma, Maschinenbau, Fahrzeugbau und Umwelttechnik sind Beispiele für erfolgreiche Branchen", erläutert Christina Anger. „Besonders wichtig für die technologische Leistungsfähigkeit ist eine ausreichende Anzahl an Absolventen der sogenannten MINT-Studiengänge: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik."
Das zeigen auch die Zahlen des IZA, das in seinem Report sowohl den Ersatz-, als auch den Expansionsbedarf an Hochschulabsolventen nach Fächergruppen aufgliedert, und dabei beispielsweise eine enorme Nachfrage in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern prognostiziert.
Soft Skills und lebenslanges Lernen
Auch die Beschäftigungsformen und die Gestaltung der Arbeitsabläufe verändern sich. Seit Jahren wächst beispielsweise die Zahl der Selbstständigen in den sogenannten Freien Berufen, etwa bei Designern, Steuerberatern, Architekten oder Logopäden. Über alle Sparten hinweg wird immer häufiger abteilungs- und fachübergreifend in Form von Projekten zusammengearbeitet. Neben einer hohen Kommunikations- und Teamfähigkeit setzt dies meist gute Selbstorganisation voraus. Solche Schlüsselqualifikationen, auch „Soft Skills" genannt, stehen daher hoch im Kurs. Zu ihnen gehört auch interkulturelle Kompetenz, die ebenfalls immer wichtiger wird: Als Folge der Globalisierung nehmen internationale Geschäfts- und Handelsbeziehungen zu und gewinnen an Bedeutung. Arbeitnehmer aller Abteilungen sollten daher die Umgangsformen und Geschäftsgepflogenheiten in anderen Ländern kennen und verstehen: „Die internationalen Kontakte gehen längst über die Managementebene hinaus. In den verschiedensten Aufgabenfeldern wird inzwischen länderübergreifend gearbeitet, so dass eine internationale Verflechtung in vielen Berufsfeldern vorhanden ist", bestätigt auch Christina Anger.
Flexibilität und Mobilität sind weiterhin unabdingbar, und das gleich in mehrfacher Hinsicht, wie Wolfgang Biersack vom IAB erläutert: „Je nach Studienfach verläuft der Einstieg ins Berufsleben nicht immer geradlinig, nach relativ kurzer Zeit beispielsweise den Arbeitgeber zu wechseln, ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Arbeitnehmer müssen daher flexibel sein, allerdings auch innerhalb bestehender Jobs: Die Anforderungen werden sich im Lauf der Zeit immer wieder ändern, weshalb Arbeitgeber von ihren Mitarbeitern lebenslanges Lernen erwarten." Das bedeutet zwar nicht unbedingt, dass Ihr Nachwuchs gleich mehrere Berufe erlernen müssen. Doch das einmal erworbene Wissen auf dem neuesten Stand zu halten und sich den aktuellen Anforderungen immer wieder neu anzupassen, ist sicher unbedingt notwendig.
Surftipps
www.abi.de
Im abi-Portal finden sich in der Rubrik „Arbeitsmarkt" zahlreiche aktuelle Infos und Artikel zu Arbeitsmarktchancen verschiedener Absolventengruppen sowie zu Zukunftsperspektiven einzelner Branchen.
IAB-Kurzbericht
Ausführliche Hintergrundinfos und Prognosen des IAB zum Thema „Arbeitskräftebedarf bis 2025" enthält der IAB-Kurzbericht 26/2007, als PDF verfügbar unter http://www.iab.de/ > Publikationen > IAB-Kurzbericht > 2007
IZA-Report
Die Berechnungen des Bonner Instiuts zur Zukunft der Arbeit enthält der IZA Research Report No. 9 „Zukunft von Bildung und Arbeit - Perspektiven von Arbeitskräftebedarf und -angebot bis 2020", als PDF verfügbar unter
http://www.iza.org/en/webcontent/publications/reports/report_pdfs/iza_report_09.pdf




