Forschung für die Gesundheit
"Alles was uns ausmacht, Emotionen, Ausdrucksweise oder Verhalten, wird vom Gehirn gesteuert. Das betrifft uns ganz direkt." Frederike Petzschner ist fasziniert vom Reiz ihres Forschungsobjekts. Die 25-jährige Doktorandin arbeitet als Neurowissenschaftlerin an der Graduate School of Systemic Neurosciences der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München an der Erforschung der menschlichen Raum-Zeit-Wahrnehmung.
Bei manchen neurowissenschaftlichen Tests müssen sich Probanden mit Hilfe eines Joysticks in einer virtuellen Realität zurechtfinden.
Foto: Privat
Den Grundstein für ihre noch junge Karriere bildete nach dem Abitur im Jahr 2005 ein Physik-Studium an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. „Dazu habe ich mich eher spontan entschieden“, erinnert sich die gebürtige Bayreutherin. Heute ist sie froh über ihre Studienwahl. Ihren Master of Science hat sie 2009 mit der Bestnote 1,0 abgeschlossen. Das öffnete ihr, neben einigen Praktika – beispielsweise beim Max-Planck-Institut in Göttingen – und Engagements als wissenschaftliche Hilfskraft, die Türen für die heutige Tätigkeit. „Neurowissenschaften sind für Physiker ein interessanter Quereinstieg. Wir werden in diesem Bereich auch gern gesehen“, weiß Frederike Petzschner.
Neben Physikern tummeln sich an ihrem Forschungsinstitut an der LMU unter anderem Mathematiker, Biologen, Psychologen oder Mediziner. „Die Neurowissenschaften sind interdisziplinär. Man muss kreativ sein und mit Spaß und großem Interesse an die Sache herangehen“, meint die 25-Jährige.
Auf diese Weise untersucht die junge Neurowissenschaftlerin, wie Menschen navigieren beziehungsweise sich orientieren und welche Gehirnregionen dafür zuständig sind. Grundlagen für ihre Forschung liefern Verhaltensversuche, mathematische Modelle und die funktionelle Magnetresonanztomografie, mit der Durchblutungsänderungen von Hirnarealen sichtbar gemacht werden können.
Ihre Untersuchungen betreut die Doktorandin vom Anfang bis zum Ende, also vom Aufstellen einer Hypothese bis zur schriftlichen Auswertung in einer wissenschaftlichen Arbeit. „Das erfordert auch viel Austausch mit anderen Wissenschaftlern, in der Regel immer auf Englisch“, erläutert Frederike Petzschner.
Abstraktes Denken hilft
Zwischen der notwendigen Schreibarbeit zu Beginn und zum Schluss ihres Projekts hat die Neurowissenschaftlerin jedoch allerlei handfeste Forschungsarbeit zu leisten. Die Tests, bei denen sich gesunde Probanden in einem abgedunkelten Raum mit Hilfe eines Joysticks in einer virtuellen Realität bewegen, muss sie zuvor erst am Computer planen und programmieren. „Das kann man alles lernen“ - so wurden auch Frederike Petzschners anfängliche Bedenken beiseite gewischt. Wichtig sei lediglich, dass man die Fähigkeit besitze, abstrakt zu denken, um die Tests am Rechner zu erstellen. Ist dies geschehen, macht sich die Physikerin per Anzeigen in Zeitungen oder im Internet auf die Suche nach geeigneten Testkandidaten.
Zuletzt haben sich Frederike Petzschner und ihre Kollegen damit befasst, wie sehr sich Vorerfahrung auf das menschliche Navigationsverhalten auswirkt. „Grundsätzlich glaubt der Mensch fast immer, langsamer zu sein, als er tatsächlich ist“, sagt die 25-Jährige. „Bestes Beispiel sind nicht angepasste Geschwindigkeiten beim Autofahren im Nebel.“
Ein konkretes Anwendungsgebiet gibt es für ihre aktuellen Untersuchungen noch nicht. „Was wir machen, ist hauptsächlich Grundlagenforschung. Ziel ist es, die zugrunde liegenden Mechanismen im Gehirn zu verstehen, aber noch nicht die konkrete Anwendung“, bekennt die Neurowissenschaftlerin. Die Gehirnforschung stecke noch immer in den Kinderschuhen, „man weiß noch unglaublich wenig.“
Dass sich dies eines Tages ändert, daran arbeiten Neurowissenschaftler auf der ganzen Welt. Frederike Petzschner ist deshalb auch häufig unterwegs, um rund um den Globus Konferenzen und Fachkongresse zu besuchen. „Ich bin Teil eines großen Ganzen und kann mir in der Forschung genau die Fragen stellen, die ich gerne beantwortet haben möchte“, berichtet sie und freut sich über diese „riesige Freiheit“.
Bis 2012 möchte sie ihren Doktorgrad erwerben und danach im Ausland weiter forschen. „Die Erfahrung im Ausland zu arbeiten ist sehr wichtig“, sagt Frederike Petzschner, „aber ohne eine gesunde Portion Idealismus und Begeisterung braucht man eigentlich gar nicht erst anzufangen.“





