Die Sterne im Blick
Den Stern HD52265 und Thorsten Stahn (31) trennen Lichtjahre. Und trotzdem ist der wissenschaftliche Mitarbeiter dem Himmelsgestirn am niedersächsischen Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau verblüffend nahe gekommen: Im Rahmen seiner Doktorarbeit untersuchte der Astrophysiker die physikalischen Eigenschaften seines Forschungsobjekts — und will damit beispielsweise den Aufbau und die Entwicklung sowie die dynamischen Eigenschaften sonnenähnlicher Sterne besser verstehen.
Thorsten Stahn (links) und Prof. Laurent Gizon (rechts)
Foto: Privat
Etwa 94 Lichtjahre ist HD52265 von der Erde entfernt – also über sechs Millionen mal so weit wie die Sonne. Dennoch haben die beiden Sterne viel gemeinsam. Thorsten Stahn: „Sie sind sich beispielsweise in puncto Radius und Masse sehr ähnlich.“ Ein Umstand, den sich der Astrophysiker im Rahmen seiner Doktorarbeit beim Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau zunutze machte. In Zusammenarbeit mit etwa 30 Wissenschaftlern aus aller Welt analysierte und verglich er Tausende von Daten des Himmelskörpers HD52265, der seinen nüchternen Namen der bei Sternen üblichen fortlaufenden Katalogisierung zu verdanken hat.
„Wir haben anhand der Schwingungen von HD52265 seine Rotation messen können. Das war bis dato noch für keinen sonnenähnlichen Stern gelungen“, erklärt Thorsten Stahn. Damit haben die internationalen Wissenschaftler einen kleinen, aber wichtigen Schritt zur Erforschung der Aktivität der Sonne und sonnenähnlicher Sterne gemacht. Das Verständnis der Sonnenaktivität ist für den Menschen von besonderem Interesse, z. B. im Zusammenhang mit der Vorhersage von Sonneneruptionen, geladenen Teilchen, die von der Sonne ausgeschleudert werden. Diese können auf der Erde sogenannte magnetische Stürme verursachen – mit teils gravierenden Folgen: In der kanadischen Provinz Quebec führte eine Sonneneruption 1973 zu einem Stromausfall, bei dem sechs Millionen Menschen im Dunkeln saßen.
Sein Doktorandenstipendium von der Max-Planck-Gesellschaft erhielt Thorsten Stahn unmittelbar nach seinem Physikstudium an der Universität in Göttingen. Damals weckten interessante Vorlesungen im Bereich Astrophysik seine Faszination für die Sternenforschung. Romantischen Illusionen gab sich der Pragmatiker jedoch nie hin: „In sieben Jahren bin ich gerade zweimal hinter dem Teleskop gesessen.“ Stattdessen erforscht der angehende Doktor die unendlichen Weiten des Universums vom überschaubaren PC-Bildschirm aus. „Wer Astrophysiker werden will, sollte die Arbeit am Computer mögen. Und eine gewisse Hartnäckigkeit an den Tag legen.“ Denn: Kleine Probleme müssen oft sehr lange bearbeitet werden.
Leben im All? „Sehr, sehr wahrscheinlich“
Dazu operiert der 31-Jährige mit Daten, die er via Satellit von Weltraumteleskopen wie SOHO und CoRoT aus dem All bekommt. Daten, die übrigens im Internet für jeden frei zugänglich sind. Sie liefern unter anderem Informationen über Alter, Ursprung, Größe und Entwicklung von Himmelskörpern. Thorsten Stahns Aufgabe besteht darin, gemeinsam mit seinen Kollegen Programme zu schreiben, mit denen die Daten ausgewertet werden können. „Wir betreiben an unserem Institut hauptsächlich Grundlagenforschung. Unsere Arbeit hat deshalb keinen unmittelbaren Anwendungsbezug. Sie dient größtenteils allein dem Informationsgewinn. Die bahnbrechenden Erkenntnisse gibt’s wahrscheinlich nur im Kino.“ Außerirdisches Leben allerdings auch fernab der Leinwand – das glaubt zumindest Thorsten Stahn. „Ich persönlich halte das für sehr, sehr wahrscheinlich.“ Aber: „Es besteht wohl keine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Daher beschäftigt mich diese Frage nicht wirklich.“
Die Projekte des wissenschaftlichen Mitarbeiters sind meist langfristig angesetzt – und obwohl er in einem Team arbeitet, verbringt er viel Zeit allein vor dem Rechner. Intensiver wird der Austausch mit den Kollegen, wenn ein Problem auftaucht und neue oder bekannte Problemlösungsstrategien gefragt sind. Dann sind Fremdsprachenkenntnisse erforderlich, denn am Institut wird Englisch geschrieben und gesprochen. „Es handelt sich allerdings um eine Art Wissenschaftsenglisch, das wenig mit dem Schulenglisch zu tun hat. Es sollte deshalb niemanden abschrecken", beruhigt der Astrophysiker.
Für Thorsten Stahn beginnt der Forschungstag in Gleitzeit in der Regel zwischen 8.30 und 9 Uhr und endet, wenn alles nach Plan läuft, zwischen 17 und 18 Uhr. Aber: „In der Forschung läuft natürlich nicht immer alles wie erwartet. Dann hängt man auch schon mal ein paar Stunden dran oder geht am Wochenende ins Büro.“ Das bleibt mindestens bis Ende 2011 so. Dann läuft Thorsten Stahns Zeitvertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut aus. Derzeit bereitet er sich nach bestandener Promotionsprüfung im Oktober letzten Jahres auf die Veröffentlichung seiner Arbeit und den damit verbundenen Doktortitel vor. Bezüglich seiner beruflichen Zukunft äußert sich der Sternenfreund realistisch: „In der Forschung muss man sich darauf einstellen, in den ersten Jahren keine Festanstellung zu bekommen. Man muss flexibel sein – sowohl was das Forschungsthema als auch den Standort betrifft.“ Dennoch würde der Wissenschaftler gerne seiner großen Leidenschaft, den Sternen, treu bleiben und weiterhin am Max-Planck-Institut arbeiten. Die Chancen dafür stehen nach eigenen Angaben nicht schlecht.




