Das Know-how des Übersetzers
"Jeder kann doch Englisch" oder "Übersetzen ist eine brotlose Kunst" sind Aussagen, die Florian Willer nur ein müdes Lächeln entlocken. Der 36-jährige technische Übersetzer ist nicht nur gut im Geschäft, der Freiberufler weiß auch, was er kann.
Florian Willer hat sich als Übersetzer selbstständig gemacht.
Foto: Privat
Hätte man Florian Willer als Schüler nach seinem Traumberuf gefragt, hätte er Eishockeyprofi geantwortet. Tatsächlich hat er sich während seines Studiums als Halbprofi auf dem Eis Geld verdient, als Berufsziel jedoch den „Technischen Übersetzer“ gewählt. Studiert hat er an der Fachhochschule Flensburg, wo der Studiengang mittlerweile auf Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt wurde und „Internationale Fachkommunikation“ heißt. Wer Dolmetscher und Übersetzer studiert, arbeitet sich neben den Sprachen auch in ein Fachgebiet ein. Der 36-Jährige wählte Maschinenbau – aus Interesse.
In zwei Sprachen zuhause
Als Freiberufler ist Florian Willer an keinen Ort gebunden. Ihm reicht eine Internetverbindung, um mit seinen Kunden in Kontakt zu bleiben. Seine Wahlheimat ist Berlin, Prenzlauer Berg. Fünf Monate im Jahr tauscht er jedoch die Großstadt gegen ein kleines Dorf in den kanadischen Rocky Mountains ein. Mit Blick auf die schneebedeckte Bergkulisse übersetzt er technische Fachtexte aus dem Englischen ins Deutsche. „Um technische Fachtexte übersetzen zu können, muss man fundierte Grammatikkenntnisse in beiden Sprachen mitbringen und zudem die Materie so gut beherrschen, dass man auch den Ausgangstext versteht!“ Fallstricke gibt es viele: Im Englischen sind Fachbegriffe nicht gleich als solche zu erkennen, weil oftmals „gängige Wörter“ verwendet werden. Geht es um eine Maschine, bedeutet „body“ nicht etwa „Körper“, sondern „Gehäuse“. Nicht zu unterschätzen sei auch das Landeswissen eines Übersetzers, denn Englisch ist nicht gleich Englisch. In Australien, Großbritannien, den USA oder Kanada werden Begriffe oft unterschiedlich verwendet.
„Leider ist Übersetzer keine geschützte Berufsbezeichnung“, kritisiert Florian Willer. Viele bieten ihre Dienste zu günstigen Preisen auf dem Markt an, ohne über eine fundierte Ausbildung zu verfügen. Für Florian Willer ist das mehr ein Ärgernis als ernstzunehmende Konkurrenz, denn seine Kunden wissen sein Fachwissen zu schätzen. In seiner Kartei hat er über 50 Auftraggeber, die ihn zum Teil seit Jahren buchen. Abgesehen von einem dreimonatigen Praktikum bei der Berliner Übersetzungsagentur Think Global Language Solutions gleich nach dem Studium, konnte er sich erfolgreich als Selbstständiger behaupten. Das Praktikum sei jedoch sehr wichtig gewesen: „Dort habe ich gelernt, wie Projekte gemanagt werden, wie Aufträge rausgegeben und anschließend Texte lektoriert werden – einfach den Arbeitsablauf mitbekommen, der hinter einer Übersetzung steht“, erzählt Florian Willer.
Viele Fähigkeiten vereinen
Zeitmanagement ist ein wichtiger Punkt: Schließlich muss er heute nicht nur selbst entscheiden, wie viele Aufträge er in welchem Zeitraum annehmen kann, er ist auch sein eigener Buchhalter und sein eigener Helfer, wenn der Rechner mal nicht funktioniert. Technisch fit sein muss er nicht nur, um sich bei kleineren Problemen helfen zu können. Sind zu übersetzende Textabschnitte beispielsweise Bestandteil einer Softwareprogrammierung, muss er diese erst einmal herausfiltern. Ein Translation-Memory-Programm, eine speziell für Übersetzer entwickelten Software, unterstützt ihn bei seiner Tätigkeit.
Nicht immer arbeitet Florian Willer allein: „Ich bin zwar auf weiten Strecken ein Einzelkämpfer, aber es gibt auch Projekte, an denen ich gemeinsam mit anderen Freiberuflern arbeite.“ Etwa, wenn er einen Firmenkatalog mit 2.700 kleingedruckten Seiten übersetzt, ist Zusammenarbeit hilfreich.




