Alles unter Kontrolle?
Zurzeit erlebt Manuel Kellerbauer (36) hektische Tage: Er gestaltet im Juristischen Dienst der EU-Kommission das Zusammenwachsen von Europa mit.
Bei der Europäischen Union gibt es viele interessante Jobs. Der Jurist Manuel Kellerbauer aus Deutschland arbeitet etwa im Juristischen Dienst.
Foto: WillmyCC
Gerade arbeitet der Jurist an einem Konzentrationskontrollverfahren, das den Zusammenschluss zweier großer Unternehmen prüft. Weil dieser als genehmigt gilt, wenn die Europäische Kommission die gesetzte Frist verstreichen lässt, sitzt der EU-Beamte derzeit bis lange nach Büroschluss am Schreibtisch und nimmt statt der Mittagspause nur einen Snack zwischendurch.
Nichts Ungewöhnliches im Juristischen Dienst der Europäischen Kommission. „Wenn die Arbeit da ist, haben wir auch mal 50- oder 60-Stunden-Wochen. Aber ich empfinde das nicht als Last“, sagt Manuel Kellerbauer. Vielleicht, weil er sein Gebiet so interessant findet: Was dürfen Unternehmen? Was verzerrt den Wettbewerb? Wer nutzt eine marktbeherrschende Stellung aus? Mit solchen Fragen beschäftigt er sich schon seit dem Studium.
Europarecht im Studium
Rückblick: Manuel Kellerbauer hat in Tübingen Jura studiert und hatte schon damals eine Vorliebe für Wirtschaftswissenschaften und das Wettbewerbsrecht. Im südfranzösischen Aix-en-Provence machte er den Magister in internationalem und europäischem Recht. „Ich fand das Zusammensein mit Leuten aus anderen Ländern, anderen Kulturen so interessant. Dazu die Kombination von Europa und internationalem Recht.“
Auch in seiner Promotion, die er schon vor dem zweiten Staatsexamen ablegte, beschäftigte er sich mit einem europarechtlichen Thema. Während dieser Zeit absolvierte er ein Praktikum im EU-Parlament, hatte sich kurz darauf über das Auswahlverfahren qualifiziert und stand 2002 auf der Reserveliste für künftige Beamte.
Und dann? „Dort stehen viele Juristen, deshalb muss man Eigeninitiative zeigen und darf nicht nur auf offene Stellen warten“, erinnert sich Manuel Kellerbauer. Während des juristischen Referendariats hat er deshalb ein weiteres Praktikum gemacht und dabei seinen ersten Arbeitgeber kennengelernt: die Generaldirektion Wettbewerb der Europäischen Kommission. Sie soll sicherstellen, dass Unternehmen unter gerechten und fairen Bedingungen miteinander in Wettbewerb treten können und Verbraucher und Wirtschaft von freien Märkten profitieren. Weil die Kommission hier über weitreichende Eingriffsmöglichkeiten verfügt, geht es – bis 2007 Manuel Kellerbauers Aufgabengebiet – auch immer darum, die Rechte der beteiligten Unternehmen zu wahren.
Vor vier Jahren wechselte er dann zum Juristischen Dienst, Abteilung Wettbewerbsrecht. Heißt das vor allem, Papiere zu wälzen? Keineswegs, wehrt er ab. Auch Psychologie spiele eine große Rolle, denn „Gesetze werden von und für Menschen gemacht, und es sind Menschen, die Gesetze anwenden.“ Das 20-köpfige Team, dem der Jurist angehört, tauscht sich zudem über die Rechtslage aus und diskutiert über juristisch vertretbare und praktisch durchführbare Lösungen. Und wenn die Rechtmäßigkeit von Entscheidungen angefochten wird, vertritt Manuel Kellerbauer die Europäische Kommission auch vor Gericht.
Der interessanteste Fall bisher? Intel, sagt er knapp. Der Chiphersteller hat gegen die Geldbuße von über einer Milliarde Euro, die die Europäische Kommission 2009 wegen einer Wettbewerbsrechtsverletzung verhängt hat, geklagt. Das Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof läuft und Manuel Kellerbauer ist Prozessbevollmächtigter. Spannend, aber lohnt das auch? Sicher könnte er in einer international tätigen Anwaltskanzlei besser verdienen, sagt Manuel Kellerbauer: „Aber ich denke nicht nur ans Geld. Die Arbeit hier ist inhaltlich anspruchsvoller und ich kann am Zusammenwachsen von Europa mitwirken.“
Wie es mit seiner Karriere weitergehen wird, ist offen. Konkrete Pläne schmiedet er derzeit nicht: „Mein jetziger Job ist spannend genug!“ Theoretisch kann sich Manuel Kellerbauer wie jeder EU-Beamte auf jeden freien Posten bewerben. Gesucht wird, das ist seine Erfahrung, „wer sich auf Dauer als tüchtig und gescheit beweist.“




