Man braucht Nerven wie Drahtseile
Anneka Weber (29, Name geändert) unterrichtet an einer Realschule in Niedersachsen als Klassenlehrerin einer fünften Klasse und als Fachlehrerin in den Klassenstufen fünf bis neun. Sie schätzt ihren abwechslungsreichen und kontaktintensiven Arbeitsalltag.
"Ältere Schüler liegen mir besser", fand die junge Lehrerin Anneka Weber heraus.
Foto: Zirkelbach
In der Schule vergeht kaum ein Tag, an dem nicht alles anders läuft als geplant. „Für die Kinder gibt es jederzeit spannende Dinge zu entdecken, die sie vom Unterricht ablenken“, schmunzelt Anneka Weber. „Da braucht man Beharrlichkeit und Nerven wie Drahtseile, um an seinem roten Faden festzuhalten.“ Weil in ihrer Klasse verträumte, verhaltensauffällige und schüchterne Kinder beisammen sitzen, hat die 29-Jährige sich verschiedene Wege überlegt, um auf die Kinder zu zugehen. „Der eine braucht sanftes Zusprechen, weil er sonst sofort anfängt zu weinen, der andere einen strengeren Ton, weil er aus einem schwierigen Elternhaus kommt und keinen Respekt vor Erwachsenen kennt.“
Die junge Lehrerin hat sich für ihren Beruf entschieden, weil sie zwei verschiedene Leidenschaften unter einen Hut bringen wollte: Ihre Talente für Sprachen und fürs Zeichnen. Als Fächerkombination wählte sie folgerichtig Kunst, Deutsch und Englisch. Im Jahr 2001 nahm sie an einer niedersächsischen Universität den Kombinationsstudiengang Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen auf und schrieb sich zunächst für den Schwerpunkt Grundschule ein. „Schon im ersten Semester hospitierten wir in schulpraktischen Seminaren ein bis zwei Tage pro Woche in Schulklassen“, erzählt sie. „Und dabei merkte ich, dass mir ältere Schüler wohl besser liegen.“ Zum Glück war der Wechsel des Studienschwerpunktes kein Problem. „In den Realschulklassen kann ich die Kinder schon ganz anders an die Themen heranführen und das entspricht einfach mehr meiner Art des Lehrens“, sagt die 29-Jährige.
Unterrichten ist nicht alles
Heute unterrichtet Anneka Weber, je nachdem, ob Vertretungsstunden anstehen, 24 bis 27 Stunden in der Woche. Zu Hause sitzt sie pro Tag weitere drei Stunden am Schreibtisch und bereitet den Unterricht für den nächsten Vormittag vor: „Da wir Junglehrer noch keine Routine haben und die Lehrbücher noch nicht in- und auswendig kennen, dauert das alles etwas länger“, sagt sie.
Auch kostet es Zeit, den Tag Revue passieren zu lassen: Muss sie sich um einen Schüler besonders kümmern, weil es Tränen gegeben hat? Muss sie Eltern informieren, weil sich ein Schüler daneben benommen hat? Nach einer Klausur sitzt die Realschullehrerin auch schon mal drei Tage hintereinander von nachmittags bis nachts über den Heften. Dazu kommen die Vorbereitung von Klassenfahrten, die bis zu einem Jahr dauern kann, und die Durchführung von Elternabenden.
Frischer Wind im Kollegium
Im Kollegium der Realschule gibt es mehrere junge Kolleginnen, die ihren
Unterricht wie Anneka Weber mit Gruppenarbeit und Lernstationen nach dem Motto „Learning by doing“ aufpeppen, aber auch ältere Kollegen, die teilweise noch klassisch frontal unterrichten und mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis auf die Methoden der Jüngeren reagieren. „Viele Lehrer sehen sich als ihr ‚eigener Chef’“, erklärt Anneka Weber. „Im Lehrerzimmer können also mehrere ‚Chefs’ aufeinander treffen. Da gibt es schon mal Reibereien. Man braucht ein dickes Fell und muss immer wieder das Gespräch suchen und sich als Teamplayer beweisen. Alles in allem ist das Kollegium aber sehr herzlich und die Zusammenarbeit macht viel Spaß.“
Die Junglehrerin ist bereits auf Probe verbeamtet und bekommt in wenigen Monaten ihre Verbeamtung auf Lebenszeit. Und übrigens auch ihr zweites Kind! Wie bei vielen weiblichen Lehrkräften waren die guten Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit ein Grund für die Berufswahl. Bereits wenige Wochen nach der Geburt will Anneka Weber wieder hinterm Lehrerpult stehen, während ihr Mann Elternzeit nimmt.





