Kluge Köpfe für moderne Städte

Eine Photovoltaikanlage auf einer Grünfläche
Solarzellen liefern tagsüber Strom. Was vielen Anlagen noch fehlt ist ein Speichermedium, damit die Energie auch abends genutzt werden kann.
Foto: Michael Neuner

Berufe für die moderne Stadt

Kluge Köpfe für moderne Städte

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung wohnt in Städten, Tendenz steigend. Schon heute arbeiten Fachleute an Lösungen für die Herausforderungen der steigenden Urbanisierung: Gefragt sind etwa Experten für Wohnraum, Trinkwasser, Nahversorgung, Mobilität sowie Entsorgung – es gibt viel zu tun.

Solarzellen auf dem eigenen Dach liefern tagsüber Strom. Doch wer die Energie abends nutzen will, braucht ein Speichermedium. Daran arbeiten die Gründer von Voltstorage, einem Münchner Start-up. „Unsere Batterie ist umweltfreundlicher und kostengünstiger als viele Konkurrenzprodukte“, erzählt Mitgründer Felix Kiefl. Voltstorage setzt auf Vanadium-Fluss-Batterien, die vereinfacht gesagt den Solarstrom in einer Elektrolyt-Flüssigkeit speichern und auch wieder abgeben können: „Vanadium ist nicht nur am Weltmarkt günstig zu haben, sondern kann auch aus Minen bezogen werden, in denen es nicht unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen abgebaut werden muss. Die Elektrolyt-Flüssigkeit lässt sich zudem umweltgerecht entsorgen und ist weder brennbar noch explosiv.“

Ein Porträt-Foto von Felix Kiefl

Felix Kiefl

Foto: privat

Mittlerweile hat das Unternehmen, das 2014 gegründet wurde, 20 Angestellte. Felix Kiefl konzentriert sich nicht nur auf die Produktenwicklung, sondern beschäftigt sich aktuell intensiv mit Finanzierungsmodellen, um in die Serienproduktion starten zu können.

Fachlich ist der gebürtige Münchner breit aufgestellt: Nach zwei Semestern Physik an der Ludwig-Maximilian-Universität München, studierte er an der Uni Bayreuth Mechatronik und Maschinenbau und setzte einen Master in Elektrotechnik an der Technischen Universität (TU) München drauf. Die TU München war es auch, die die Gründer in der Umsetzung ihrer Geschäftsidee unterstützte.

Die Nachfrage nach Batterien für Besitzer von Photovoltaikanlagen ist hoch. Dennoch ist es nicht das große Geld, das ihn antreibt: Der 29-Jährige hat ebenso wie seine Mitstreiter eine Vision: „Es ist mein persönliches Ziel, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten. Schließlich ist eine umweltschonende Energieversorgung neben der Abfallproblematik eines der großen Themen unserer Gesellschaft. Hier mitwirken zu können, wirkt enorm motivierend.”

Zunehmende Urbanisierung

Damit trifft das Start-up den Nerv der Zeit: Die Urbanisierung schreitet weltweit im rasanten Tempo voran. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass im Jahr 2050 zwei Drittel aller Menschen in Städten leben werden. Metropolen verbrauchen laut einer Analyse des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) schon heute drei Viertel aller Ressourcen. Wie sollen künftig noch mehr Menschen Wohnraum finden, von A nach B reisen, mit gesunden Lebensmitteln, sauberem Trinkwasser und Energie versorgt werden?

Während in Schwellen- und Entwicklungsländern Megastädte entstehen, sind die Herausforderungen in Europa andere: „Wir haben zum Beispiel Schwarmstädte wie Berlin, München, Hamburg oder Köln. Das Image der Städte, aber auch attraktive berufliche Möglichkeiten ziehen viele junge Menschen an, die nicht mehr im Einfamilienhaus der Eltern bleiben, sondern lieber in einem urbanen Umfeld leben möchten“, sagt Architektin und Städtebauassessorin Prof. Dr.-Ing. Sabine Baumgart, die bis vor Kurzem an der TU Dortmund das Fachgebiet Stadt- und Regionalplanung leitete.

In den florierenden Städten konkurrieren verschiedene Interessensgruppen um die wenig vorhandenen Freiräume, etwa um Flächen am Stadtrand: Sollen sie landwirtschaftlich, für Naherholungsgebiete oder für neue Siedlungsgebiete genutzt werden? „Insofern sind die strengen Prüfvorgänge mit geregelten Verfahren, nach denen bei uns beurteilt wird, was wo und wie gebaut wird, ein gutes Instrument“, betont Sabine Baumgart. Das gilt auch mit Blick auf bezahlbaren Wohnraum, will man verhindern, dass eine Stadt in wohlhabende und weniger wohlhabende Gebiete zerfällt.

Alte Städte, neue Konzepte

Anders als in China oder in den Vereinigten Emiraten werden hierzulande keine komplett neuen Städte geplant: „Wir müssen mit dem vorliegenden städtebaulichen Bestand umgehen“, erklärt die Architektin. Das gilt auch für die vielerorts veralteten Infrastrukturen. Kreativer Raum kann oft nur dort entstehen, wo eine Zwischennutzung möglich ist, wie etwa in ehemaligen Kasernen oder Bahnhöfen.

Auch der Klimawandel verlangt neue Konzepte: Wie können Stadtteile vor Überhitzung geschützt werden? Lassen sich Luftströme und Mikroklima beeinflussen? Wie kann Wasser bei Starkregen abfließen? Dach- und Mikrogärten, überhaupt urbane Landwirtschaftsprojekte sind hierfür kleine Stellschrauben. Auch der Verkehr wird sich verändern müssen. Noch dominiert das Auto: „Aber ein Auto steht meistens 23 Stunden am Tag herum, nimmt Platz weg, konkurriert mit Fußgängern und Fahrradfahrern“, zeigt Sabine Baumgart auf – vom Lärm und Feinstaub mal ganz abgesehen.

Technische Lösungen spielen eine zentrale Rolle

Dass sich aus diesem Sammelsurium an Problemen viele unterschiedliche Tätigkeitsfelder für Stadt- und Regionalplaner ergeben, spiegeln auch die Absolventenbefragungen der TU Dortmund wieder: „Es gibt immer mehr Schnittstellen und einen hohen Grad an Spezialisierung“, berichtet die Expertin. Stadtplaner finden Arbeit in der städtebaulichen Verwaltung, in der Raumforschung, aber auch in Energieunternehmen, in der Immobilienwirtschaft, bis hin zu Unternehmen der Wasserwirtschaft.

Neben Stadt- und Regionalplanung gibt es viele Studiengänge und Berufe, in denen Fachleute Konzepte entwickeln, die unsere Städte schon heute effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver gestalten. Wie Felix Kiefl und sein Team von Voltstorage gibt es IT-Experten, die an Car-Sharing-Systemen tüfteln, Ingenieure, die umweltschonende Lieferfahrzeuge entwickeln (siehe auch den Beitrag „Eine Carla für umweltschonende Lieferungen“) oder Garten- und Landschaftsbauer, die Urban-Gardening Projekte vorantreiben (siehe auch den Beitrag „Landwirtschaftsbetrieb auf dem Stadtdach“).

Ob erneuerbare Energien, Verkehrskonzepte, Gebäude- oder Entsorgungstechnik: „Die Berufe und auch die Studiengänge dahinter haben mehrheitlich einen technisch-naturwissenschaftlichen Bezug“, sagt Katrin Mey, Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit in Berlin. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Studienangebote entstanden, die sich speziell mit nachhaltiger Entwicklung auch im urbanen Kontext befassen, etwa „Umweltingenieurwesen – nachhaltige Siedlungsplanung“ an der Hochschule Darmstadt oder „Urbane Zukunft“ an der FH Potsdam. „Aber auch in vielen Ausbildungsberufen nimmt Nachhaltigkeit im Lehrplan mehr Raum ein“, meint die Beraterin. Beispiele sind Anlagenmechaniker, die sich mit Solaranlagen befassen, oder Speditionskaufleute, die bei der Fuhrparkplanung das Thema Umwelt und Nachhaltigkeit berücksichtigen.

Weitere Informationen

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung.
www.berufsfeld-info.de

 

BERUFENET
Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.
www.berufenet.arbeitsagentur.de

 

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit
www.jobboerse.arbeitsagentur.de

 

studienwahl.de
Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

 

Bundesverband Smart-City
smart-city.hsi-network.de

 

Deutschen Institut für Urbanistik
difu.de

 

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU)
Wissenswertes über die Urbanisierung weltweit
www.wbgu.de

 

 

Stadt- und Regionalplanung

Praxisorientiert und lebensnah

Bereits im Studium hat Maria Chudzian (22), die an der Fachhochschule Erfurt ihren Master in Stadt- und Regionalplanung absolviert, viele Möglichkeiten an Projekten mitzuarbeiten. Sie alle eint ein Ziel: Die Lebensbedingungen in den Städten zu verbessern.

Ist das Pendlerleben teuer? Lohnt sich ein Umzug? Es ist ein Problem, dass sich in Deutschland zunehmend verschärft: Viele Menschen legen immer weitere Wege zwischen Arbeit- und Wohnort zurück: „Es gibt zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zwischen Wohn- und Mobilitätskosten untersuchen, aber nur wenige, die auch die Energiekosten in ihre Betrachtung mit einbeziehen und erforschen, wie sich diese drei Faktoren bedingen“, erklärt Maria Chudzian. Die 22-Jährige studiert im zweiten Mastersemester Stadt- und Raumplanung an der FH Erfurt. Hier arbeitet sie gerade an einem Projekt mit, das diese drei Faktoren unter die Lupe nimmt. Mit ihrer Arbeitsgruppe hat sie einen Fragenbogen entwickelt und an die Erfurter verteilt. Nun geht es an die Auswertung.

Auch im vergangenen Semester stand ein Projekt an: Mehrere Plattenbauten wurden zurückgebaut. Die Stadt Erfurt trat an die Hochschule heran und bat um Ideen, wie diese Freiflächen genutzt werden könnten. Die Stadt wächst, braucht Wohnraum, der bezahlbar und lebenswert ist: „Das Gute ist, man produziert diese Ideen nicht für die Ablage. Sie haben einen konkreten Bezug zur Lebensrealität. Die Stadt profitiert und wir bekommen vom Stadtbauamt Rückmeldungen zu unseren Vorschlägen“, erzählt Maria Chudzian – eine Win-Win-Situation. Auch wenn die Pläne nicht eins zu eins umgesetzt werden, wird die Arbeit der Studierenden doch geschätzt und ernstgenommen. „Es gibt viele Synergien zwischen studentischen Seminaren, Projekt- und Abschlussarbeiten“, bestätigt die Studentin.

„Eine Vertiefung ist absolut sinnvoll“

Ein Porträt-Foto von Maria Chudzian

Maria Chudzian

Foto: Mona Lengeling

Bereits im Bachelor, den sie ebenfalls an der FH Erfurt absolviert hat, stand jedes Semester eine Projektarbeit auf dem Plan. „Der Fokus lag immer auf einem anderen Thema, sodass die vielen Facetten von Stadt- und Raumplanung gut abgedeckt werden“, findet sie. Ein hoher Praxisbezug war für sie der Grund, sich für eine Fachhochschule zu entscheiden. „An unserer Fakultät sind zudem Stadt- und Raumplanung und Architektur gemeinsam organisiert, wodurch ich auch andere Perspektiven kennenlerne.“

Dass sie im Anschluss ihren Master anhängen würde, stand für sie schon im Bachelor fest: „Das Studium deckt so viele Bereiche ab, dass eine Vertiefung absolut sinnvoll ist.“ Das Spektrum reicht von Stadtplanung und Kommunikation, Freiraum- und Landschaftsplanung über Soziologie, Ökonomie, Planungstheorie, Stadtbaugeschichte bis hin zu nachhaltigem Städtebau und Planungsrecht. Dahinter verbergen sich Themen wie Klimaanpassung in Bezug auf Hitzewellen oder Strategien zur Integration von benachteiligten Bevölkerungsgruppen in den Wohnungsmarkt.

In Ideenwettbewerben die kreative Seite ausleben

Noch zwei Semester, dann wird Maria Chudzian ihr Studium mit dem Master of Science abschließen. Eine Idee, wohin ihre berufliche Reise gehen soll, hat sie auch schon: Im Bachelor hat sie ein Praktikum in einem privaten Planungsbüro absolviert und konnte dort den Bereich Wettbewerbe kennenlernen. „Ich finde beide Seiten faszinierend. Im Planungsbüro sieht man die verschiedenen Entwürfe und wird beratend tätig. Reicht man selbst Entwürfe ein, kann man seine kreative Seite ausleben“, erklärt die Studentin.
Sie hat bereits mehrfach an studentischen Ideenwettbewerben teilgenommen und ihr Konzept für den nächsten ist bereits in Planung. „Ich werde mich mit einem ehemaligen Kasernengelände in Paderborn auseinandersetzen.“

 

Ingenieur im Bereich Smart City

Eine Carla für umweltschonende Lieferungen

Aike Gerdes wollte sich beruflich mit etwas befassen, das der Gesellschaft einen Mehrwert bietet. Heute entwickelt, fertigt und vertreibt der 35-Jährige in einem kleinen Start-up elektrobetriebene Fahrradanhänger. Die smarten Anhänger helfen, Waren umweltfreundlich auszuliefern.

In den Innenstädten staut sich der Verkehr, es ist laut und Abgase verschmutzen die Luft. Einen großen Anteil an dem Problem hat der Lieferverkehr: Allein in Deutschland werden jeden Tag über zehn Millionen Pakete versendet. Vor besonderen Herausforderungen steht der innerstädtische Lieferverkehr auch im baden-württembergischen Freiburg – einer Fahrradstadt mit Zonen, die für den Autoverkehr nicht zugänglich sind.

Das Start-up Carla Cargo hat daher einen elektrobetriebenen Fahrradanhänger entwickelt, der sich zum einen selbst antreibt und zum anderen zwei Achsen und drei Räder hat, sodass sich die Ladung besser und sicherer verteilen lässt. Wurde der erste Anhänger noch per Crowd-Funding finanziert, werden die Carlas mittlerweile in einer 800 Quadratmeter großen Halle zusammengebaut, verpackt und verschickt.

Kleines Team, viel Einfluss

Ein Porträt-Foto von Aike Gerdes

Aike Gerdes

Foto: privat

Aike Gerdes gehört seit einem Jahr zum Team Carla Cargo, das aktuell aus vier Mitarbeitern besteht. Ein solch kleines Team hat seine Vor- und Nachteile: „Jeder hat seine Schwerpunkte und kann sehr selbstbestimmt arbeiten, aber es müssen eben auch alle Arbeiten von wenigen erledigt werden“, erklärt Aike Gerdes. Der 35-Jährige befasst sich vor allem mit der Technologie von Akkumotoren und mit der Steuerung der Hänger. Außerdem gehören Marktrecherchen zu seinen Aufgaben: „Was gibt es Neues? Was können wir von anderen lernen? Diese Fragen müssen wir uns regelmäßig stellen.“ Dabei geht es um technische Details, und nicht darum, zu schauen, was die Konkurrenz macht: „Es gibt zwar diverse Anhänger auf dem Markt, aber kein tatsächliches Konkurrenzprodukt zu unserem zweiachsigen Anhänger mit Elektroantrieb“, weiß Aike Gerdes.

Im Schnitt fertigt das Team bei Carlo Cargo pro Woche drei bis fünf Anhänger, auf Wunsch auch Spezialanfertigungen. Themen wie die Optimierung der Arbeitsabläufe oder auch die Weiterentwicklung laufen häufig informell ab: „Oft ist man abends noch in der Werkstatt und bespricht Ideen.“ Dazu kommen noch Vertrieb und Marketing. Vieles läuft über Videokanäle: „Ein neuer Motortest etwa wird von uns gefilmt und online gestellt“, erzählt der Ingenieur.

„Es herrscht Aufbruchsstimmung“

Für Fahrräder hat sich Aike Gerdes schon immer interessiert, viel herumgeschraubt und ausprobiert. Beruflich aber ist er ein Quereinsteiger: Nach seiner Ausbildung zum Elektromechaniker studierte der gebürtige Friese den Bachelorstudiengang Mikro- und Optosystemtechnik an der Fachhochschule Bremen. Nach dem weiterführenden Master, in dem er sich intensiv mit Faserlaser befasste, kamen ihm Zweifel: „Das war alles sehr theoretisch, sehr abgefahren und wenig praktisch.“

Über Umwege landete er in Jena und gründete dort einen Verein, der sich unter anderem mit Gemeinschaftsgärten und Foodsharing befasst: „Bei unserer Suche nach einem Transportmittel habe ich Carla Cargo kennengelernt.“ Er machte ein Praktikum und blieb. „Manchmal muss man einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Auch wenn ich ein Quereinsteiger bin, profitiere ich inhaltlich von dem, was ich vorher gemacht habe.“ Dazu gehört sein Fachwissen über Elektrotechnik, aber auch wissenschaftliches Arbeiten, das ihm bei den Test- und Prüfreihen hilft. „Momentan herrscht eine tolle Aufbruchsstimmung“, findet Aike Gerdes. Das Gefühl, etwas Sinnstiftendes tun zu können, treibt ihn an.

 

Beauftragter für Ökologie, Umweltbildung, Soziales

Mini-Bauernhof auf dem Stadtdach

Nikolas Fricke (35) entwickelt und betreut Nachhaltigkeitskonzepte im Münchner Werksviertel Mitte, wo ein kreatives Stadtquartier zum Wohnen und Arbeiten entsteht: von Schafen auf dem Dach über Begrünung von Hauswänden bis hin zum smarten Abholservice von Paketen.

300 Meter vom Münchner Ostbahnhof entfernt, befindet sich auf einem begrünten Dach im Werksviertel Mitte eine 2.500 Quadratmeter große Wiese sowie Hochbeete mit Blumen und Wildkräutern. Schafe und Hühner laufen umher, Bienen fliegen in ihrem Stock ein und aus, eine Ameisenstraße führt entlang des Geländers im Treppenhaus.

Betreut wird das Projekt von Nikolas Fricke, Beauftragter für Ökologie, Umweltbildung und Soziales für das gesamte Werksviertel Mitte. Seine Aufgabe ist es, Nachhaltigkeitskonzepte für das gesamte Areal zu entwickeln. Dazu gehören etwa Überlegungen, wie man Wasser auffängt und speichert, wie und wo Fassaden begrünt werden können, um Gebäude zu kühlen, wie Transportwege für den Lieferverkehr oder eine intelligente Müllentsorgung aussehen könnten. Digitale Konzepte werden ebenso umgesetzt: So ist etwa eine Abgabestation für Pakete in Planung, die über eine App organisiert werden wird.

Stadt und Natur in Einklang bringen

Ein Porträt-Foto von Nikolas Fricke

Nikolas Fricke

Foto: privat

Die Schafe auf dem Dach sind ein Baustein in dem Ganzen: „Dass hier überhaupt Schafe auf einer Wiese grasen können, ist möglich, weil das Dach so umgebaut wurde, dass dort Regenwasser versickern kann.“ Die Schafe betreiben hier die Rasenpflege und da die Walliser Schwarznasenschafe vom Aussterben bedroht sind, ist es zugleich eine Erhaltungszucht. Das Dach-Projekt ist offiziell als landwirtschaftlicher Betrieb eingetragen.

Nikolas Fricke züchtet selbst am Starnberger See Walliser Schwarznasenschafe. Als er auf der Suche nach einem Job war, ist er auf das Projekt im Werksviertel aufmerksam geworden. Studiert hat er Agrarwissenschaften an der Technischen Uni München, wo er auch seinen Master in Sustainable Resource Management abgelegt hat. Promoviert hat der 35-Jährige an der Universität Eichstätt-Ingolstadt in Sozialgeographie. Im Werksviertel ist er unter den Architekten und Bauingenieuren, mit denen er zusammenarbeitet, zwar ein Exot, aber aufgrund seiner Erfahrungen und des Fachwissens prädestiniert für seine Aufgaben: Als Beauftragter für Ökologie, Umweltbildung und Soziales muss er sich in Themen einarbeiten, viel organisieren, sich mit anderen austauschen und Konzepte umsetzen können.

Verantwortung übernehmen und vermitteln

Mensch-Natur-Konflikte waren für Nikolas Fricke schon immer Thema: „Ich konnte als Kind und Jugendlicher viel Zeit in Afrika verbringen, wo ich unter anderem eine Nicht-Regierungsorganisation gegründet und Studierenden Naturreservate gezeigt habe.“ Verantwortung für die Natur zu vermitteln, ist ihm auch in seiner Arbeit in Bayerns Landeshauptstadt nach wie vor ein Anliegen. Seit diesem Sommer gibt es für Kinder und Jugendliche Workshops auf dem Dach, in denen sie handfeste Aufgaben und Verantwortung für die Tiere übernehmen, zum Beispiel Wolle spinnen, Bienen und Ameisen beobachten, Obst und Gemüse anpflanzen: „Die Kinder und Jugendlichen lernen dadurch etwas über natürliche Kreisläufe“, erklärt er. Für ihn ist es das Wichtigste, inhaltlich so zu arbeiten, dass er dafür einstehen kann.

 

Berufe für die moderne Stadt – Interview

Stadtleben besser und nachhaltiger organisieren

In den vergangenen fünf Jahren hat das Thema Smart City in vielen Kommunen eine rasante Dynamik entwickelt. Worum es dabei geht, erklärt Roman Soike vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin.

abi>> Herr Soike, was ist mit „Smart City“ überhaupt gemeint?

Roman Soike: Es gibt keine festgelegte Definition. Generell kann man sagen, dass damit Prozesse gemeint sind, die mithilfe moderner, digitaler Technologie das Stadtleben besser und nachhaltiger organisieren.

abi>> Welche Themen treiben die Entwicklung voran?

Ein Porträt-Foto von Roman Soike

Roman Soike

Foto: Difu / David Ausserhofer

Roman Soike: Zum einen ist da das Thema E-Government: Wie kann ich das Rathaus serviceorientierter gestalten, etwa Termine beim Bürgeramt besser koordinieren, mehr Dienstleistungen online anbieten und Bürger bei Entscheidungen einbeziehen? Weitere große Treiber sind die Themen Mobilität und Energie. Viele Städte haben allein schon aufgrund der Verkehrs- und Feinstaubbelastung ein hohes Interesse an nachhaltigen, umweltschonenden Mobilitätsdienstleistungen. Außerdem geht es um die Energieversorgung: Wie kann man mithilfe von IT die Energieerzeugung, die Bereitstellung und auch den Verbrauch effizienter steuern, um so auch einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten?

abi>> Wie ist die Situation in den Regionen, aus denen immer mehr Menschen wegziehen?

Roman Soike: Da bringt die Digitalisierung Vor- und Nachteile. Sie birgt die Gefahr, dass sich diejenigen, die kaum Zugang zu digitalen Angeboten haben oder sich mit digitalen Medien nicht auskennen, abgehängt fühlen. Andererseits bietet die Digitalisierung auch Chancen für den ländlichen Raum. Sie kann helfen, räumliche Distanz zu überwinden und etwa eine digitale Sprechstunde beim Arzt ermöglichen. Immer mehr Kommunen schließen sich zusammen und arbeiten gemeinsam an Konzepten.

abi>> Wieso ist es überhaupt so wichtig, dass die Städte „smarter“ werden?

Roman Soike: Naive Technikeuphorie ist sicherlich fehl am Platz. Städte müssen sich Gedanken machen, wie die digitale Technologie helfen kann, ihre Ziele in der Stadtentwicklung zu erreichen.

abi>> Ist die smarte Stadt auch ein Thema für die Forschung?

Roman Soike: Auf jeden Fall. Bei uns am Deutschen Institut für Urbanistik schauen wir uns zum Beispiel an, wie die Städte mit der Digitalisierung umgehen, welche Projekte sie anstoßen und welche Fragen sich dabei ergeben. Wir versuchen im Dialog mit den Städten einen Erfahrungsaustausch anzuregen. Wir untersuchen aber beispielsweise auch, welche Effekte konkrete Smart-City-Anwendungen auf die Umwelt haben. Natürlich beschäftigen sich auch viele Forscher mit Pilotprojekten, in denen technische Anwendungen getestet werden. In Oldenburg zum Beispiel wird aktuell eine neue Wohnsiedlung auf einem ehemaligen Fliegerhorst zum Reallabor entwickelt. Die Stadtplaner beschäftigen sich mit der Frage: Wie sieht die Stadt von morgen aus?

abi>> Wie steht es um die derzeitigen Arbeitsmarktchancen in diesem Bereich?

Roman Soike: Viele Kommunen suchen Fachleute, die sich mit der Digitalisierung befassen. Dass sie dabei mit der Wirtschaft und mit einer dynamischen Tec-Szene konkurrieren, macht es sicherlich nicht einfach.

abi>> Welche Fachkräfte werden gebraucht?

Roman Soike: „Smart-City“ ist ein Querschnittsthema, spricht also viele Fachgebiete an. Gefragt sind Menschen, die zum einen die Technologie verstehen und die sich zum anderen in die interdisziplinären Themen eindenken können. Da arbeiten dann etwa Ingenieure, Soziologen, Stadtplaner, Elektrotechniker und IT-Fachleute in einem Team.


Diese Beiträge im abi-Portal könnten dich auch interessieren:

  • Eine Carla für umweltschonende Lieferungen

  • Praxisorientiert und lebensnah

  • Stadtleben besser und nachhaltiger organisieren

  • Mini-Bauernhof auf dem Stadtdach

Logo Bundesagentur f�r Arbeit
Stand: 19.05.2019