Wandel zur Hightech-Branche
Die Textil- und Modeindustrie umfasst weit mehr als nur Bekleidung. Vor allem die Hersteller Technischer Textilien suchen qualifizierten Nachwuchs. Gute Chancen haben hier auch Absolventen aus den Bereichen Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.
Viktoria Masur ist Senior Designerin bei s.Oliver.
Foto: Privat
Airbags, Autositze, Heißluftballons, Matratzen, Schuheinlagen, Taucheranzüge, Teppichböden, Vorhänge, Handtücher, Mullbinden, Baumaterial – die Liste an alltäglichen Dingen, bei denen Textilien eine wichtige Rolle spielen, ließe sich unendlich fortsetzen. Denn Bekleidungstextilien machen nur einen kleinen Teil der Textil- und Bekleidungsbranche aus. Insgesamt besteht diese aus den Bereichen Bekleidungstextilien, Haus- und Heimtextilien sowie Technische Textilien. Vor allem die Nachfrage nach Technischen Textilien ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. „Seit 2008 liegt der Anteil der Technischen Textilien bei 52 Prozent des Gesamtumsatzes der Branche“, bestätigt Werner Zirnzak, stellvertretender Geschäftsführer des Industrieverbands Veredlung – Garne – Gewebe – Technische Textilien e.V. (IVGT).
Auch laut Angaben des Gesamtverbands Textil und Mode sind die Technischen Textilien die stärksten Wachstumstreiber der Branche – dazu gehören zum Beispiel Produkte für das Gesundheitswesen wie Wundpflaster, die den Heilungsprozess beschleunigen, Flugzeugteile, die aus faserverstärkten Kunststoffen gemacht werden, Brücken aus Beton, der mit Textil verstärkt wird, oder textile Autoteile, die ein Fahrzeug leichter machen.
Genau in diesem Bereich arbeitet Petra Kardung. Die Ingenieurin für Textiltechnik ist seit 2005 bei der Barthels-Feldhoff GmbH & Co. KG in Wuppertal tätig und entwickelt dort unter anderem so genannte „technische Schmaltextilien“, also Schläuche, Bänder oder Kordeln beispielsweise für den Sportgerätebau oder die Medizintechnik. „Wir produzieren Angel- und Fallschirmleinen, aber auch dünne Stahlgeflechte zur Stabilisierung der Aorta oder Rückholkordeln für sterile Tupfer für Operationen“, zählt die 32-Jährige einige Produkte auf. Ihre Aufgabe ist es, im Gespräch mit dem Kunden ein Anforderungsprofil zu erstellen. Also welche Festigkeit soll das Produkt haben? Welchen Durchmesser? Für welchen Temperaturbereich muss es geeignet sein? Bei Kohlefasergeflechten kommen dann noch Eigenschaften wie die Geometrie und die Winkel der Faser hinzu. Stehen die Anforderungen an das bestellte Produkt fest, arbeitet Petra Kardung zusammen mit der Produktion an der Realisierung des Gewünschten. „Bevor ich diese Stelle angetreten habe, war mir gar nicht bewusst, wie oft Kordeln oder Bänder in Produkten verbaut sind“, meint sie.
Kreativität - ein Muss
Ganz anders gestalten sich dagegen die Aufgaben von Viktoria Masur. Sie ist Senior Designerin bei dem Mode- und Lifestyle-Unternehmen s.Oliver in Rottendorf. Seit Mai 2006 entwirft sie Designs für besonders hochwertige Blazer, Jacken, Hosen, Röcke und Kleider für s.Oliver Selection women, der Premiumlinie des Unternehmens. „Jeden Monat bringen wir eine neue Kollektion heraus“, berichtet die Diplom-Designerin, die an der Fachhochschule Pforzheim studiert hat. Zusammen mit dem Vertrieb und Vertretern aus den s.Oliver-Läden überlegt sie zunächst, wie die neuen Trends aussehen und was Kunden wünschen. Weitere Anregungen holt sich die 31-Jährige auf Reisen ins Ausland, wo sie Messen und Geschäfte in Metropolen wie London, Paris oder Mailand besucht. „Unsere Ideen skizzieren wir erst mit der Hand und geben sie dann in den Computer ein, damit man die Daten schnell innerhalb des Unternehmens und mit Produktionsstätten im Ausland austauschen kann“, erklärt die Designerin. Aus den technischen Zeichnungen werden Muster erstellt, deren Passform an Models ausprobiert und bei Bedarf weiter verbessert wird. „Design ist ein ständiger Prozess, der sich immer wieder verändert. Kreativität ist also ein Muss in unserer Branche“, meint Viktoria Masur.
Auch für Petra Kardung steht Kreativität ganz oben auf der Liste der Anforderungen. „Auch Flexibilität und technisches Verständnis sind wichtig.“ Daneben seien vor allem Weltoffenheit, Verständnis für fremde Kulturen und die Bereitschaft zu häufigen Reisen wichtige Voraussetzungen, fügt Petra Grathwohl, Leiterin Internationaler Vertrieb und Marketing bei Gütermann, hinzu. Das Unternehmen aus Gutach im Breisgau produziert Fäden, Garne und Zwirne für Industrie und Handel.
Vor allem im Bereich Mode ist Internationalität ein Muss, denn die Kleidungsstücke werden häufig im Ausland produziert. „Bei uns in Deutschland befinden sich nach wie vor die Hauptstandorte mit ihren Musternähereien, Designstudios, dem gesamten Logistikapparat sowie der Verwaltung“, erklärt Oskar Vogel, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie e.V. Technische Textilien würden hingegen fast ausschließlich in Deutschland produziert. Kein Wunder, denn „die großen Automobil- und Maschinenbauunternehmen in Deutschland brauchen alle Technische Textilien für ihre Produkte, und arbeiten dann natürlich am liebsten mit Unternehmen vor der Haustür zusammen“, meint Werner Zirnzak vom IVGT.
Forschung und Weiterentwicklung
Insgesamt waren 2009 laut Angaben des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie 130.000 Mitarbeiter in 1.300 Betrieben der Textil- und Modebranche tätig, der Gesamtumsatz lag bei 28 Milliarden Euro. Dass die Chancen für gut ausgebildete Mitarbeiter derzeit recht gut stehen, weiß auch Arbeitsmarktexperte Ralf Beckmann von der Bundesagentur für Arbeit: „Während insgesamt die Beschäftigtenzahlen in der Textilbranche in den letzten Jahren rückläufig sind, wuchs der Anteil an gut qualifizierten Mitarbeitern. Etwa 7.000 Beschäftigte verfügten 2010 über einen Fach- oder Hochschulabschluss.“ Der Forschung und Weiterentwicklung kommt auch in der Textil- und Modebranche ein hoher Stellenwert zu – und dafür werden vorrangig Hochschul- und Universitätsabsolventen gesucht. „Was den Umsatz mit Produktneuheiten angeht, nimmt die deutsche Textilbranche Platz fünf ein, direkt hinter dem Maschinenbau“, erklärt Martin Auerbach, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Heimtextilien-Industrie e.V. „Die Textilindustrie ist eine stark unterschätzte Branche“, fügt er noch hinzu.
Fakt ist: Die Textil- und Modebranche hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Sie ist zu einer innovativen Branche geworden, die eng mit zahlreichen anderen Industrien zusammenarbeitet. „Textile Anwendungen haben in so unterschiedliche Sektoren wie Bau, Energie, Gesundheitswesen, Umweltschutz und Verkehrswesen erfolgreich Eingang gefunden und den Wandel in der Textilbranche von traditionellen Techniken und Materialien hin zu einer innovativen Hightech-Industrie ermöglicht“, erklärt der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie. Für diesen Wandel werden Mitarbeiter gesucht, die sich in der internationalen und abwechslungsreichen Branche einbringen wollen.




