Eine Branche - viele Möglichkeiten
Die Pharmaindustrie boomt: In Forschung und Entwicklung wird viel Geld investiert, die Zahl der Mitarbeiter steigt kontinuierlich. Jungen Menschen bietet die Branche eine Vielzahl an interessanten Berufsmöglichkeiten, und das nicht nur im naturwissenschaftlichen Bereich.
Arzneimittel über Arzneimittel: Die Pharmaindustrie boomt.
Foto: WillmyCC
Wenn das Pharmaunternehmen Pfizer mit Sitz in Berlin ein neues Medikament auf den Markt bringt, hat Anke Lindemann nicht daran mitentwickelt, sondern kommuniziert als Junior Brand Managerin das Produkt nach außen. Aktuell betreut die 26-Jährige eigenverantwortlich ein Arzneimittel gegen Krebs. Die Marketingmaßnahmen, die sie für das Produkt umsetzt, sind sehr vielfältig. So organisiert sie zum Beispiel die Teilnahme des Unternehmens an medizinischen Fachkongressen, plant PR-Maßnahmen, entwickelt Infomaterialien für den Außendienst und hat Kontakt mit Kollegen aus internationalen Teams, wichtigen Geschäftspartnern sowie vielen Medizinern der unterschiedlichsten Fachrichtungen.
Schon während ihres Studiums knüpfte die Betriebswirtin, die ihren Abschluss an der Technischen Hochschule Wildau gemacht hat, erste Kontakte in die Pharmaindustrie. „Ich habe praktische Erfahrungen in einem Pharmaunternehmen gesammelt und dort auch meine Diplomarbeit geschrieben. Das war eine sehr interessante Zeit, so dass ich gerne in dieser Branche bleiben wollte“, erzählt Anke Lindemann. Nach ihrem Abschluss ist die 26-Jährige dann als Marketingtrainee bei Pfizer eingestiegen. „Zu Beginn meines Traineeprogramms habe ich auf einer Pharmareferentenschule intensiv medizinische Kenntnisse erworben, denn ohne solches Fachwissen geht es im Marketing eines Arzneimittelherstellers nicht.“ Nach dem Traineeprogramm hat sie direkt ihre Stelle als Junior Brand Managerin angetreten. Ein Job, mit dem sie sich hundertprozentig identifizieren kann: „Unser Ziel ist es, die Welt gemeinsam ein wenig gesünder zu machen.“
Vom Biologielaboranten bis zum Wirtschaftswissenschaftler
Die Aussicht, Menschen helfen zu können, ist auch laut Dr. Heinz-Gerd Suelmann, Executive Vice President Global Human Resources beim Pharmakonzern Grünenthal aus Aachen, einer der Hauptgründe, warum sich viele Leute für die Pharmabranche entscheiden. Zusätzlich verändere sich das Markt- und Wettbewerbsumfeld rasend schnell, so dass sich viele spannende Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten für Mitarbeiter ergeben. Grünenthal etwa plant, in der Forschung und Entwicklung über 100 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Gesucht werden vor allem Absolventen aus den Bereichen Chemie, Pharmazie, Medizin und Betriebswirtschaft. Darüber hinaus werden jährlich rund 30 Auszubildende eingestellt: Biologielaboranten, Chemikanten, Chemielaboranten, Industriekaufleute und Kaufleute für Bürokommunikation. Im dualen Studium bietet Grünenthal die Wahl zwischen Pharmazeutischer Chemie (Bachelorstudium und Ausbildung zum Biologielaboranten, Chemielaboranten oder Chemikanten) und BWL (Bachelorstudium der Betriebswirtschaftslehre und Ausbildung zum/zur Industriekaufmann/-frau). Generell gilt: „Wir wünschen uns Bewerber mit Neugier, Begeisterungsfähigkeit und dem Wunsch, selbst etwas zu bewegen“, erklärt Heinz-Gerd Suelmann.
Grünenthal ist nur eines von rund 880 pharmazeutischen Unternehmen in Deutschland, die 2010 beim Statistischen Bundesamt gemeldet waren. Über 70 Prozent davon beschäftigen weniger als 100 Mitarbeiter, nur rund acht Prozent haben mehr als 500 Mitarbeiter, wie eine Statistik des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zeigt. Zu den Mitgliedern des BPI zählen forschende Pharmaunternehmen und Generikafirmen – also Firmen, die wirkstoffgleiche Kopien von Originalpräparaten herstellen –, Unternehmen aus dem Bereich der Biotechnologie, der Homöopathie/Anthroposophie, der Produktion von pflanzlichen Arzneimitteln sowie Unternehmen, die Pharmaherstellern Dienstleistungen anbieten, etwa im Bereich Marketing oder Verkauf. Zahlen des BPI zufolge wurden 2009 pharmazeutische Erzeugnisse im Wert von 26,5 Milliarden Euro in Deutschland hergestellt. Insgesamt beschäftigt die Branche über 108.000 Mitarbeiter, davon fast 19.000 in den Bereichen Forschung und Entwicklung. Darunter sind Biologen, Biochemiker, Ingenieure für Biotechnologie, Chemiker, Pharmazeuten, (Tier-)Mediziner, Biologie- und Chemielaboranten, Chemikanten und Pharmakanten genauso zu finden, wie etwa Ingenieure für Chemietechnik, Ingenieure der Verfahrenstechnik, Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieure oder Mechatroniker. In Bereichen wie Controlling, Vertrieb und Marketing kommen beispielsweise Wirtschaftswissenschaftler zum Einsatz, für kaufmännische Aufgaben werden etwa Industrie- und Bürokaufleute oder Kaufleute für Bürokommunikation gesucht. Und da es in keiner Branche mehr ohne IT-Know-how geht, sind dort zum Beispiel auch Wirtschaftsinformatiker, Fachinformatiker oder IT-System-Elektroniker tätig.
„Überdurchschnittlich wachsendes Beschäftigungsfeld“
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) fasst in ihren Statistiken zur Pharmabranche alle Unternehmen zusammen, die sich mit der Entwicklung von pharmazeutischen Erzeugnissen, mit dem Handel von medizinischen und orthopädischen Artikeln und mit dem Großhandel mit pharmazeutischen Erzeugnissen befassen. Die Jobaussichten schätzt Judith Wüllerich, Arbeitsmarktexpertin bei der Bundesagentur für Arbeit, gut ein: „Insgesamt handelt es sich bei der Pharmabranche um ein überdurchschnittlich wachsendes Beschäftigungsfeld.“ Im Jahr 2010 waren sieben Prozent mehr Menschen in dieser Branche beschäftigt als 2007. Sogar während der Wirtschaftskrise ist die Beschäftigung in der Pharmabranche weiter angestiegen. „Fortschritte im Bereich der Medizin, der demografische Wandel, ein sich veränderndes Gesundheitsbewusstsein, aber auch die steigende Nachfrage nach Wellnessprodukten tragen zum Wachstum in diesem Sektor bei“, erläutert Judith Wüllerich.
2010 wurden der Bundesagentur für Arbeit rund 6.400 freie Stellen gemeldet. Neben den Festangestellten sind in der Pharmabranche aber auch Selbstständige tätig, zum Beispiel als Pharmavertreter. Ein Großteil der Festangestellten arbeitet in der Forschung und Entwicklung, für die 2009 rund 4,6 Milliarden Euro ausgegeben wurden. Allein zwischen 2001 und 2008 stieg die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich um circa 20 Prozent. Beim BPI ist dazu zu lesen: „Die pharmazeutische Industrie ist eine der forschungsintensiven Branchen und sichert damit zukunftsfähige Arbeitsplätze in Deutschland.“





