"Ich bitte um mehr Selbstbewusstsein"
69 Prozent der großen Unternehmen in Deutschland beschäftigten bereits Bachelorabsolventen — auch wenn sie in ihren Stellenanzeigen nicht unbedingt explizit nach den Bachelors suchen. Studien zeigen aber: Die Bachelorabsolventen kommen genauso gut unter wie die Absolventen der herkömmlichen Abschlüsse. Eines ist deshalb klar: der neue Abschluss ist auf dem Arbeitsmarkt angekommen.
Forschung, Wirtschaft, Kontruktion: Bachelorabsolventen sind in vielen Branchen willkommen.
Foto: Becker
„Der Berufseinstieg war kein Problem“, sagt Christoph Wiederhold. Im Oktober 2010 machte er seinen Bachelorabschluss in Wirtschaftsrecht an der Leuphana-Universität in Lüneburg, im November 2010 fing er in der Personalabteilung bei der adidas-Gruppe im mittelfränkischen Herzogenaurach an. „Ich habe während meines letzten Semesters einige wenige ausgewählte Bewerbungen verschickt“, erinnert sich der 24-Jährige. „adidas war meine Nummer 1.“ Umso glücklicher war er, als er die Zusage von dem Sportartikelhersteller in den Händen hielt. „Hier kann ich meine persönliche Leidenschaft Teamsport mit der Arbeit kombinieren und bin in einem internationalen Arbeitsumfeld tätig“, schwärmt er. Seine Aufgaben: Unter anderem das Recruiting. Der frischgebackene Bachelorabsolvent formuliert Stellenausschreibungen, wählt geeignete Bewerber aus und führt Vorstellungsgespräche – immer zusammen mit einem Vertreter der jeweiligen Fachabteilung, in der die oder der Neue eingesetzt werden soll.
Ob die Bewerber einen Bachelor- oder Masterabschluss haben oder vielleicht noch ein Diplom, spielt dabei erstmal keine Rolle. Die adidas AG sucht in ihren Stellenanzeigen ganz allgemein Bewerber „mit Hochschulabschluss“, mit einem Abschluss in Ingenieurwissenschaften oder mit einem Schwerpunkt in Finanzen. „Bei uns können sich alle bewerben, und alle haben die gleichen Chancen“, sagt Jela Götting, Leiterin Nachwuchsprogramme bei der adidas AG. Und dabei schneiden die Bachelors auch ganz gut ab: „Aktuell haben etwa 70 Prozent unserer Trainees einen Bachelorabschluss.“ Und wie sieht es bei Direkteinsteigern aus? „Auch hier stellen wir ganz oft und nahezu jeden Tag Bachelors ein“, sagt sie.
Auch bei der Evonik Industries AG ist der Abschluss zweitrangig. „Gerade für ein Traineeprogramm wäre es nicht sachgerecht, bestimmte Studienarten im Vorfeld auszuschließen“, sagt Ulrich Bormann, Zentralbereichsleiter Corporate Human Resources bei Evonik. „Wir vermeiden nach Möglichkeit eine Differenzierung.“
Bachelor Welcome, die vierte
Sowohl die adidas Group als auch die Evonik Industries AG gehören zu den 61 deutschen Arbeitgebern, die die vierte Auflage der Bachelor-Welcome-Erklärung 2010 unterschrieben haben. Darin heißt es: „Als Personalvorstände führender Unternehmen in Deutschland sagen wir zu, Bologna noch offensiver als bisher in der Nachwuchssicherung und Personalentwicklung in unseren Unternehmen zu verankern.“ Konkret soll das unter anderem durch speziell zugeschnittene Stellenprofile passieren, in denen nicht nur die Abschlüsse, sondern auch die Kompetenzen, die die Bewerber mitbringen müssen, beschrieben werden. Als Kompetenzen kann man dabei all die Kenntnisse und Fähigkeiten bezeichnen, die im Laufe des Studiums erworben wurden. Das können fließende Englischkenntnisse sein, eine Schwerpunktsetzung auf Controlling oder Marketing oder eine Beschäftigung mit energietechnischen Fragestellungen. Aber auch soziale Kompetenz wie beispielsweise Team- und Kommunikationsfähigkeit gehören dazu.
Dass in Stellenausschreibungen inzwischen häufig die Kompetenzen im Vordergrund stehen, bestätigt auch Susanne Hüsemann, Geschäftsführerin von Queb e.V., einem Zusammenschluss von 43 großen Unternehmen der Privatwirtschaft. Mitglieder sind unter anderem adidas, Microsoft oder die Siemens AG. „Es ist außergewöhnlich, dass in einer Stellenausschreibung gezielt nach Bachelorabsolventen gesucht wird“, weiß Susanne Hüsemann. „Für uns ist das Thema Bachelor und Master eigentlich durch. Der Bachelor ist in den Unternehmen längst eingezogen. Mehr als die Hälfte der neu eingestellten Berufseinsteiger bei Dekra Automobil und Bosch beispielsweise haben einen Bachelorabschluss“, sagt sie. Entscheidend sei nicht die Art des Abschlusses, sondern die Frage nach den Hard- und Softskills der Absolventen. „Die Unternehmen formulieren ihre Stellenbeschreibungen nun deutlicher als früher, die Kompetenzen, die gefordert sind, werden stärker in den Vordergrund gehoben.“
Kritik von der Hochschule
Die Tatsache, dass in den Stellenausschreibungen nur selten gezielt nach Bachelorabsolventen gesucht werde, kritisiert dagegen Prof. Dr. Christian Scholz. Der Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre der Universität des Saarlandes, mit Schwerpunkt Organisation, Personal- und Informationsmanagement, hat mit der Studie „Chancen für Bachelor: Eine Momentaufnahme“ vom August 2010 die Stellenausschreibungen der 15 Unternehmen, die 2004 die erste Bachelor-Welcome-Erklärung unterzeichnet haben, untersucht und kam zum Ergebnis, dass sich nur fünf Prozent der Stellenangebote an Absolventen ohne Berufserfahrung richten – und zwar mit allen Abschlüssen. „Bachelors müssen gegen Master- und Diplom-Absolventen konkurrieren“, bemängelt er. „Wer aber nur drei Jahre studiert hat, hat zwangsläufig einen anderen Ausbildungsstand als jemand, der vier oder fünf Jahre an der Hochschule war.“
Seiner Meinung nach fehlen Einstiegsprogramme speziell für Bachelors. Die Stellenanzeigen, die keinen bestimmten Abschluss vorsehen, hält er für Augenwischerei: „Die Unternehmen sollen ganz klar kommunizieren, ob sie einen Bachelor-, einen Master- oder einen Diplom-Absolventen brauchen, ob der neue Mitarbeiter an einer Uni oder einer Fachhochschule studiert haben soll“, fordert er. „Es ist doch ein Unterschied, ob ich einen Sachbearbeiter oder einen zukünftigen Geschäftsführer einstellen möchte. Ich verstehe nicht, warum die Unternehmen nicht klar sagen, was sie brauchen. Die Folge ist, dass sich auf die Stellenanzeigen sehr viele bewerben, und davon natürlich auch sehr viele, die nicht auf die Stelle passen, und dann folgt eine Flut von Absagen.“
Ob sie zukünftig in den Stellenanzeigen doch das Wort „Bachelor“ wieder aufnehmen sollen, überlegt derzeit auch adidas. Aber nicht, um Stellen speziell für Bachelorabsolventen auszuschreiben, „sondern um das Selbstbewusstsein der Absolventen zu stärken“, sagt Jela Götting. „Ich werde bei Info-Veranstaltungen an Hochschulen wirklich manchmal gefragt, ob man auch mit ‚nur‘ einem Bachelor Chancen bei adidas hat“, wundert sie sich. Ihre Antwort: „Ich bitte um mehr Selbstbewusstsein. Ihr seid gut, habt einen berufsqualifizierenden Abschluss, natürlich habt ihr Chancen.“





